Home: Die Werkstatt Südafrikablog: Kom die Kaap na!

14.4.12

PreisWerte Literatur: Die Kurzgeschichte ‚Ich auch’ ist eine von 14 Nominierten des Würth-Literaturpreises 2012


Berlin, kurz nach dem  Mauerbau. Eine junge Frau wird bei der Rückreise nach West-Berlin aus ihr unbegreiflichen Gründen zum Verhör bestellt. Der Grenzer, dem sie sich gegenüber findet, scheint von einer merkwürdigen Motivation getrieben und stellt seltsame Fragen über ihre Vergangenheit. Was ist es denn, was er von ihr will? 

Die Firma Würth aus Schwäbisch Hall produziert bekanntermaßen nicht nur Schrauben, sondern fördert mit der Würth-Stiftung die Wissenschaften und die Kunst. Ganz nach dem aus dem Geschäftsleben stammenden Motto von der belebenden  Konkurrenz wird seit 1996 in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen auch ein literarischer Wettstreit ausgerufen. Gesucht werden dabei Beiträge, die ‚überzeugend eigene sprachliche Wege gehen’.

Besonderer Clou der Ausschreibung: Das Thema stellt jeweils ein Schriftsteller von Rang und Namen, der zuvor ein Semester lang an der Uni Tübingen eine die Poetik Dozentur innehatte. So fanden sich neben Günter Grass in jüngerer Zeit zum Beispiel Juli Zeh, Herta Müller, Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann in der Rolle des Literaturlehrers wieder. Für den Wettbewerb 2012 stellte Brigitte Kronauer die folgende Aufgabe: ‚Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, in der ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt.’

Diesen Satz verstand ich zwar erst nach mehrmaligem Lesen, doch das Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro war zur Teilnahme ausreichend inspirierend. Je mehr ich allerdings über das Thema nachdachte, umso drängender kam mir eine kleine Episode in den Sinn, die ich eigentlich schon längst einmal erzählt haben wollte. Bislang war ich allerdings nicht über Skizzen hinaus gekommen, und die Frage nach der richtigen Form und Perspektive ließen mich stets unzufrieden die Arbeit daran aufgeben. Das Thema des Wettbewerbs allerdings konnte als ein neuer Ausgangspunkt für die Erzählung jener Begebenheit dienen - und auf einmal fielen die Worte wie von selbst aufs virtuelle Papier.

Zwei Menschen treffen in einem Verhör aufeinander. Ihr Lebensweg könnte unterschiedlicher nicht sein, so wie die beiden deutschen Staaten, in denen sie aufwuchsen, und durch deren Opposition ihr Verhältnis bestimmt ist. Doch geboren wurden sie zur selben Zeit, am selben Ort. Für einen Moment erkennen sie, dass ihre Schicksale, ihre Entwicklung, ihre Sehnsüchte jeweils die des anderen sein könnten. Das Verhör wird zur Begegnung.

Dieser Moment des gegenseitigen Erkennens ist äußerst flüchtig. Das Aufziehen des Vorhangs, der aufglimmende Funken hinter dem Pupillenschleier erfordert eine klare Zuspitzung der Handlung auf diesen Punkt, um als Geschichte zu funktionieren. Andererseits verlangte die Situation nach einer klaustrophobischen, gehetzten Sprache – nicht gerade der Stil, dem ich mich bisher bediente. Doch je mehr die Wortspäne flogen, umso klarer trat die erstrebte Wirkung ein: Im entscheidenden Moment überträgt sich die Sympathie des Lesers von der Protagonistin auf ihren vermeintlichen Gegenspieler. Und der Fokus auf  ihre unmittelbare Sehnsucht nach Freiheit verschiebt sich gleichzeitig auf seine, ihm vielleicht noch nicht einmal bewussten, aber umso verständlichere Sehnsucht nach eben dieser.

Unter 1024 Einsendungen wurde als einer von 14 Beiträgen meine Kurzgeschichte ‚Ich auch’ für den Würth-Preis nominiert, und erscheint in der Anthologie zum Wettbewerb im Swiridoff Verlag. Den Preis gewonnen hat schließlich der Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller aus Berlin mit der Geschichte ‚Liebe auf Israelisch’. Ich beglückwünsche den Autor - und bin  gespannt darauf, welche namenlosen Sehnsüchte seine Protagonisten durchleiden mussten, und wie sie dargestellt sind.

Du willst ‚Ich auch’ lesen? Schreib mir eine Mail …

11.4.12

Reif für die Insel: Roadmovie Kapstadt auf der Kulturfinca Son Bauló, Mallorca

Mitten im Herzen der mediterranen Ferieninsel liegt ein kleines Städtchen namens Vistallegre. An dessen Rand hat ein gewisser Dr. Will Kauffmann sich einen Traum verwirklicht: Die Kulturfinca Son Bauló  als deutschsprachigen Kultur und Veranstaltungsraum. Wer hierher kommt, hat mit Ballermann nichts am Hut. Und findet eine Oase der Ruhe, wo Kreative sich nach Herzenslust austoben dürfen. 'Roadmovie Kapstadt' machte dort am 01. April Station, mit dabei war zum ersten Mal der Pianist Florian Domnick.

Es klingt zu schön, und ist doch wahr: Es gibt einen Veranstaltungsort auf einem alten mallorquinischen Landgut, inmitten grünsatter Felder. Sandelholzduft in der Luft. Wasser plätschert, eine Katze schnürt lautlos durch den blühenden Klee. Kaffee und Kuchen werden im Schatten der Veranda serviert, die hauseigenen Ponies äugen herüber. Dann schlägt man den dunklen Vorhang beiseite und betritt den kühlen  Bühnenraum, mit Plüschsesseln, alten Scheinwerfern, Flügel. Ein rostiges Mottorad hängt von der Decke. 


Keine Wasserglas-Lesung: Mit Spitzenwein von der Mosel und im Licht antiker
Scheinwerfer liest es sich mit leichter Zunge.

In noch keiner Leselocation fühlte ich mich gleich so wohl wie hier - und meinem diesmaligen Begleiter Florian Domnick ging es wohl ähnlich. Inspiriert von der tollen Atmosphäre und dem ein oder anderen Glas Wein feilten wir bis spät nach Mitternacht an unserem Programm. Mit Florian ist es übrigens ein ganz anderes Arbeiten als mit Adrian - wo jener bei der musikalischen Umsetzung impulsiv aus seiner eigene Südafrika Erfahrung schöpft, ist Florian ein guter Analyst des Textes. Aus der entstehenden neuen Auseinandersetzung entstehen dann für mich selbst neue Impulse zum Lesen. Insgesamt  produzierten wir, obschon ich dieselben Textstellen wie bei der Lesung in Tamm ausgewählt hatte, einen ganz anderen Sound, und damit eine andere Atmosphäre. Witzig, wie sich dadurch Spannung und dramatischer Bogen verschieben ließen - ich bin gespannt, welche weiteren Früchte diese Zusammenarbeit noch hervorbringen wird.

Immer mehr rückt dadurch auch der Wunsch, aus 'Roadmovie Kapstadt' ein Hörbuch zu produzieren in den Vordergrund - oder ein E-Buch mit eigenem Soundtrack. Das Konzept, Texte mit Bild und Musik zu einer neuen Art der Literaturerfahrung zu verdichten, funktioniert einfach. So waren auch die Reaktionen aus dem Publikum wieder einmal sehr ermutigend - Lesungen eignen sich hervorragend, um interessante Leute kennen zu lernen, und natürlich hat die Inselcommunity auf Mallorca ein paar Charaktere zu bieten.

Wer sich übrigens ein eigenes Bild von einer musikalischen Lesung machen möchte: 'Roadmovie Kapstadt meets Piano' gibt es noch öfter live zu erleben, das nächste Mal am 26. 04. in Stuttgart.
 
 ... C U on the road...

28.1.12

Musikalische Lesung in Tamm: Roadmovie meets Piano

Ein besonderes Programm an besonderem Ort: In der Kelter Tamm fanden sich am 26.01. 2012 über fünfzig interessierte Zuhörer und genossen eine musikalische Lesung zu Roadmovie Kapstadt. Am Piano brillierte zwanglos wie immer Adrian F. Meyer. Das Publikum reagierte erfreut bis begeistert auf die dargebotene Mischung aus Text, Bild und Musik. Auch der gesponsorte Wein von Moselwein e.V. mag seinen Teil daran gehabt haben - auch wenn zum ersten Mal in meiner Lesekarriere nicht genug für alle da war. Traurig für die leer Ausgegangenen, aber für mich als 'Performing Act' ein positives Zeichen.

Blick ins Plenum: Gut gefüllte Kelter Tamm.

Zugegeben, das Örtchen Tamm westlich von Ludwigsburg ist nicht der Nabel der Welt. Doch das schmucke Städtchen bot mit seiner Kelter eine wunderschöne Location für die jüngste Ausgabe einer 'musikalischen Lesung' - und überraschte mich mit großer Resonanz. Hatte die Veranstalterin im Vorfeld noch mit ca 30 Personen gerechnet, musste kurz vor Veranstaltungsbeginn der Hausmeister aktiv werden und über zwanzig zusätzliche Stühle aus dem Lager holen. Im Resultat war die mir zunächst noch sehr leer vorgekommene Kelter überhaupt nicht mehr zu groß, sondern zum genau richtigen Maß gefüllt, um noch Kontakt zum einzelnen Zuhörer aufbauen zu können, und andererseits die Synergieeffekte einer Gruppe fühlbar werden zu lassen (damit meine ich zum Beispiel diese Momente, wenn es vor Spannung mucksmäuschenstill wird oder sich ebendiese in einem gemeinsamen Seufzen oder Lachen löst).

Die Kelter in Tamm von außen. Schöne Leselocation!

Auch für mich als lesenden Autor gab es Gänsehautmomente, wenn Adrian F. Meyer feinfühlig und mit hervorragendem timing die Töne leise fallen ließ - oder dramatisch Gas gab. Was hatte mir Rainer Bocka vor einem Jahr nach der Lesung im Cafe Galao als gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg gegeben? Lass den Text wirken! Nun, diesem Ratschlag konnte ich nun vollkommen folgen, und mehr noch, mich darauf verlassen, dass Adrian auf 88 Tasten die Richtigen finden würde, um die Stimmungen der dargebotenen Textpassagen und den projizierten Bildern einzufangen und weiter zu spinnen. 

Kaschl spricht. Meyer spielt. Publikum gefällt's.

Auch bei der zweiten Aufführung ging das Experiment der musikalischen Lesung also mehr als gut auf. Und wenn Adrian im anschließenden Publikumsgespräch bescheiden angab, sein Spiel sei lediglich 'der Glitter auf dem Text' ist es natürlich weit mehr als das. Die Kombination katalyisert ein viel tieferes Eintauchen in die Geschichte als das gesprochene Wort allein, gibt Impulse und Emotionen vor, aber erlaubt eben doch noch das individuelle Ausfüllen der Bilder, Gedanken, Geschichten im eigenen Kopf. 

Nicht zuletzt ist das Komzept natürlich viel weniger pädagogisiernd als mein bisheriger Vortragsmodus, und somit auch für mich viel leichter zu genießen - und wahrscheinlich nicht nur für mich, sondern auch für das Publikum unterhaltsamer. In diesem Sinne äußerte sich auch die Leitern der Bücherei Tamm Stefanie Uhl sowie verschiedene ZuhörerInnen. "Es war ein überzeugend, runde Sache."

Danke, Tamm!

30.12.11

Mit dem zweiten sieht man besser?

In einem blog kritisch über das Fernsehprogramm herzuziehen ist wahrlich keine Kunst. Doch warum in aller Welt wird sich irgendjemand zwei laufende Fernseher in ein und dasselbe Zimmer stellen? Eine Spekulation.

Ein Vorteil unserer Wohnung ist die wirklich ausgezeichnete Fernsicht über das beschauliche, sich langsam zum Großstadtmoloch Stuttgarts verbreiternde Nesenbachtal. Auch der lieben Nachbarn Fenster in nächster Nähe sind gut einsichtig. Da ich Vater eines Kleinstkindes bin, komme ich zwischen zwei Windeln oder dem Wiedereinführen des aus dem kindlichen Munde gefallenen Schnuller durchaus in den Genuss, auch zu unmöglichen Tages -bzw Nacktzeiten in die Wohnungen zu lunzen. So manche Szene ist dabei nicht nur witzig oder beschaulich.

Seit Neuestem, genauer, seit Weihnachten, ist die Nachbarschaftsshow allerdings um eine Merkwürdigkeit reicher. Da laufen in einer Wohnung, in einem Zimmer sogar, zwei Fernseher gleichzeitig. Und zwar die ganze Nacht, wie regelmäßige Stichproben eindeutig belegen. Was ist da los? Die dazugehörigen Menschen sind fast nie zu sehen, nur selten huscht ein Schatten kurz vorüber.

Sind es Eheleute, die da Nacht für Nacht parallel fernsehen, weil sie aus Gewohnheit beim Fernsehen einschlafen, aber unterschiedliche Programme dafür brauchen? Oder ist es doch ein Vereinsamter Sonderling, der ein überbordendes ADHS Syndrom zu befriedigen sucht? Handelt es sich gar um eine Chimäre, siamesische Zwillinge, die sich nicht auf ein Programm einigen können? Oder ist es ein Wutbürger, der auf diese Weise das durch die wegfallenden Montagsdemos aufgetretene Lärmdefizit in seinem Leben kompensiert? Niemand weiss es.

Nur komisch, dass eigentlich ein einzelner Fernseher reicht, um festzustellen: Life's too short to watch TV.

14.12.11

Literarisches Dinner in der Villa Keller Saarburg

Literatur und Wein passen ja bekanntlich bestens zusammen, Literatur und Musik ebenso, wie hier bewiesen wird, und dass Literatur mit erstklassigen Dinner ebenso ein Garant für einen erfüllenden Abend ist, konnte erleben, wer sich am 26. 11. in das in vorweihnachtlicher Stimmung erglühte Saarburg begab. 




Auf Einladung der Familie Müntnich durfte ich in deren Villa Keller Auszüge aus 'Roadmovie Kapstadt' zwischen die Gänge schieben - und diese selbst in mich hinein. Dazu gab es eine hervorragend ausgewählte und kompetent vorgestellte Auswahl an Moselweinen, von denen ich gerne noch mehr genossen hätte, wären da nicht gewisse Schwierigkeiten in der Vereinbarkeit des Geistes mit ebendiesem sowie einer klaren Aussprache in der Natur der Sache.




Es ist ein bestechendes Konzept, das für den Genuss mit allen Sinnen steht: Ein gediegener Veranstalungstort, eine Sterne-verdächtige Küche, ausgelesene Weine - und dazu ein Autor, der die besten Passagen aus seinem Werk vorstellt. 31 Literaturabende hatten Autoren des édition trèves Verlages auf diese Art und Weise bereits im Hotel Villa Keller in Saarburg bestritten - ich durfte nun also als 32igster ran. Und die Fahrt nach Saarburg hatte sich tatsächlich gelohnt, bereits bei Anfahrt war mir das Wasser im Munde zusammengelaufen. Jakobsmuscheln vorneweg, dann ein Lammbraten, zum Abschluss eine Apfeltarte - besser hätte man das Essen zu einer südafrikanischen Lesung gar nicht auswählen können.

Natürlich ließ ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, auch in dieser Runde auf die ehrenvolle Arbeit des Cape Windjammer Education Trust hinzuweisen, und durch den Verkauf von Kikois und südafrikanischem Weihnachtsschmuck noch den ein oder andern Euro an Spenden zu generieren. 


Wie bei vielen meiner bisherigen Lesungen ergaben sich im Anschluss noch lebhafte Gespräche mit anderen Südafrikakennern, von denen es in Deutschland mehr zu geben scheint als man zunächst glauben könnte. Nicht immer ist man bei diesen Begegnungen einer Meinung, was etwa die Bewertung des Fortschrittes zu einer zivilen Gesellschaft oder der Integrationsbemühungen angeht - was bei einem komplexen Land wie Südafrika und der Vielschichtigkeit seiner Probleme auch nicht wirklich verwundert. Und doch - stets erkenne ich das verräterische Aufblitzen in den Augen meiner Gesprächspartner, wenn die Frage kommt: Und, wann geht es wieder runter?

Soon, soon, I hope...

9.12.11

Roadmovie meets Piano

Die Benefizlesung im Mainzer Baron war auch ein Test für das Format der musikalischen Lesung - und gleich ein durchschlagender Erfolg. Adrians Improvisationen erlaubten den Zuhörern doch, den doch recht intensiven Texten in Ruhe (naja...:-) nachzuhängen. Auch mir selber machte das Lesen viel mehr Spaß als sonst, nicht nur dass ich mich aus reiner Sentimentalität freute, mal wieder mit Adrian auf einer Bühne zu stehen, sondern weil die Musik auch wirklich unter die Haut ging.

Wer sich selber überzeugen möchte, kann sich hier ein youtube Video dazu anschauen:


A Taste of Africa: Musikalische Benefizlesung im Mainzer Baron


Mit Kulturevents Spendengelder akquirieren – das könnte in Zukunft eine tragfähige Säule der FoCWET Arbeit werden. Nach dem erfolgreichen Konzert des Pianisten Boris Pohlmann im letzten Jahr fand am 13.11. 2011 eine Benefizlesung meinerseits im Mainzer Baron statt – etwa 40 Zuhörer erlebten ein Gesamtkunstwerk bestehend aus Bildern, Texten und Musik zum Thema Südafrika und genossen danach bei angeregter Diskussion noch den ein oder anderen Teller Butternutsuppe. Als Bilanz können wir von FoCWET stolz einen Erlös von 240 Euro vermelden  – Geld, das direkt in das Sail Training Programm 2012 des Cape Windjammers Education Trust fließen wird. Besonders stolz war ich auf die erstmalige Begleitung durch meinen Freund Adrian F. Meyer - ein junges Ausnahmetalent in vielerlei Hinsicht. An diesem Abend stellte er sein Können am Flügel in den Dienst der Guten Sache.



Südafrika ist kein einfaches Land – und doch eines, das begeistert. So könnte man die Botschaft des Abends im Baron zusammenfassen. Textauszügen aus 'Roadmovie', die von den Grautönen zwischen den Licht- und Schattenseiten der jungen Republik erzählen, wurden durch die Kombination mit prägnanten Bildern und den Klavierimprovisationen von Adrian äußerst lebendig: Während Alexander, der Protagonist von Kaschls „Roadmovie Kapstadt“ bei seinen Abenteuern am Kap zwischen Verliebtheit und Erschrecken hin und her gerissen wird, ließ Adrian in sein Klavierspiel mal verfremdete Zitate aus der südafrikanischen Nationalhymne oder Klassikern wie „Pata Pata“ einfließen. Wort, Bild und Musik ergänzten sich im Wechselspiel hervorragend und schafften es für eine knappe Stunde, die aufmerksame Zuhörerschaft ans Kap der Guten Hoffnung zu entführen. So mancher Zuhörer wäre wohl gerne noch länger dort geblieben - mich eingeschlossen.

Vor diesem Hintergrund präsentierte sich FoCWET an diesem Abend als eine Organisation, der die Schwierigkeit, aus Deutschland heraus Unterstützung für ein fernes Schwellenland zu organisiern, wohl bewusst ist.
„Die Leute sind leichter zum Spenden zu bewegen, wenn sie hungernde Kinder sehen, oder wenn es um den Bau eines Brunnens geht“, konstatiert Stephanie Fenske, Kassenwärtin des Vereins. „Das ist auch verständlich. Was wir also leisten müssen, ist, die Bedeutung des CWET Ansatzes nicht nur für Südafrika deutlich zu machen.“
Und die Vereinsvorsitzende Anja Steting ergänzt: „Es geht ja nicht um ein paar Jugendliche aus den Townships, die Lust aufs Segeln bekommen sollen. Letztlich geht es darum, Multiplikatoren einer selbstbestimmte Lebensweise jenseits der Mechansimen von Armut, Diskriminierung und Gewalt für die Bildung einer stabilen Gesellschaft fit zu machen.“
Die ganz große Vision sei dabei ein bisschen von der Idee der "Welt im Kleinen" inspiriert. Südafrika mit all den Problemen, wie die Kluft zwischen Arm und Reich, den Hautfarben und Religionen, könnte durch die Lösung derselben Beispiel auch für unsere Gesellschaft werden. "Helfen wir der Südafrika, Antworten auf diese Probleme zu finden, erstellen wir dabei Visionen für das friedliche Zusammenleben auf diesem Planeten allgemein.“

Die Zuhörerschaft jedenfalls schien von den gebotenem Programm und den Ausführungen der FoCWET Leute gleichermaßen angetan. Und so mancher konnte neben einem erworbenen Buch oder Kunstgegenstand auch das Gefühl nach Hause nehmen, eine gute Sache unterstützt zu haben.

13.2.11

Zum Valentinstag: Forget Paris!

Was ist wirklich wichtig im Leben? Die Liebe! findet zumindest News from Nowhere. Auch in der Protesthauptstadt mehren sich die Anzeichen für eine neue, romantische Revolution,  die am liebsten die ganze Republik entzünden sollte. 

Neulich. Mein Gesäß dem Drahtgeflecht einer Innenstadtsitzbank anvertrauend wartete ich auf meine Frau. Dies ist kein bemühtes chauvinistisches Klischee. Ich warte gern, die Gewissheit, dass sie mich bei Rückkehr stets aufs Neue bezaubert, trägt sicherlich dazu bei. Außerdem lasse ich dabei die Gedanken schweifen, und das ist in vom Frühfrühjahrslicht durchfluteten Fußgängerzonen besonders schön.

Einkaufspassagen sind die Laufstege unserer Gesellschaft. Bundesweit genormt durch Backshopmafia, silberfarben gewandete Stummschausteller sowie Quotenhandyladen und so unverwechselbar wie frische Hühnerscheisse,  finden sich jenseits der unaufhaltsamen Starbuckianisierung stets auch stadtspezifische Nuancen.

Stuttgart beispielsweise ist dank überproprotionalem Schicksenanteil und Porschefahrergehalt von jeher unverwechselbar. Seit einiger Zeit zeichnen sich seine Bürger aber zudem durch, je nach Aussage mit Stolz der Wutbürger oder aber Todesverachtung der Besserwisser am Revers getragene, Oben Ohne oder Oben Bleibende Botschaften aus. Kluge Köpfe wussten schon immer, dass sich bei zwei Streitenden ein Dritter freuen wird, das ist in dem Fall wohl die Buttonpressmaschinenherstellerindustrie. In U-Bahn und am Arbeitsplatz aber, beim Einkaufsbummel oder Kneipenbesuch ist der Zankapfel Bahnhof stets im Blickfeld, und irgendwann fragt man sich, ob das auf Dauer gut ist, wenn politische Überzeugungen derart plakettiv aufeinander prallen. Irgendwie fehlt einem doch die versöhnliche Alternative, die Aussage Egal 21 aber würde wahrscheinlich auch mehr als Provokation denn Lösung des Problems empfunden.

Wie auch immer, ich ließ meinen Blick entspannt über die an mir vorbeiwimmelnde Masse politisierter Schwaben gleiten, da wurde ich, etwas weiter hinten, erst noch verdeckt, aber dann immer deutlicher, einer Erscheinung gewahr. Ein Mann mittleren Alters, in Rindslederjacke und Perustrickmütze, bärtig, aber nicht ungepflegt, der mit beiden Armen ein buntes Schild mit der Aufschrift 'Umarmungen umsonst!' in die Höhe hielt. Vom Typ her weder Sektenseelenfänger noch beim letzten Crash pleite gegangener Börsianer schritt der Schildträger, anscheinend mit sich und seiner Welt im Reinen, und mit bemerkenswerter Kondition der Schultermuskelpartie, stoisch lächelnd durch die ihn ignorierende Menschenschar. Ein Tourist bat ihn, ein Foto machen zu dürfen, aber soweit ich das beurteilen konnte, nahm niemand vom eigentlichen Angebot Gebrauch.
Nun gut, ist das Darshan Mem auch hier angekommen, dachte ich noch, und da kam auch schon meine eigene Quelle der Erleuchtung flotten Schrittes aus dem Karstadt und alle Gedanken an Jesus- und andere -freaks entflogen durch ein Loch in meiner Schädeldecke.

Doch die Idee ließ mich nicht los: Stuttgart - Stadt der Versöhnung? Der fühlbar ausgetauschten Zärtlichkeit über die Gräben der Geschlechter, und der Religionen, der Kulturen, der politischen Instrumentalisierung, der Prosperität hinweg? Warum eigentlich nicht?

Visionen von sich küssend in den Armen liegenden Baumschützern und Deutsche Bahn Funktionären wies mein geistiges Auge aus rezeptionsästhetischem Widerspruch zunächst noch zurück, aber spätestens bei der Vorstellung, wie Moppelmappus und Griesgramgangolf Hand in Hand über die Stäffeles laufen könnten, hinab über den Kessel blickten und das Land milde regierten zum Wohle aller Stuttgarter und Schwaben und überhaupt aller Menschen, da wurde mir doch sehr warm ums Herz.

So einfach geht das: Ruf mich an!
Und als ich dann wenig später die in obigem Foto verewigte Botschaft entdeckte, wurde mir klar:
 Forget Paris - Stuttgart muss fortan die wahre Stadt der Liebe geheißen werden!
Oder zumindest 'das Paris der Herzen'...

Eine Gesellschaft, in der man einfach nur zum Hörer greifen muss, um in das Paradies gegenseitiger Gefühlsbejahung einzutreten, da werden doch auch politische Streitigkeiten das zwischenmenschliche Gefüge nicht auf ewig belasten, oder?

Wie heißt es bei John Lennon? All you need is love. 

Happy Valentines Day, Benztown.

9.12.10

'Roadmovie' auf Jugendbuchtipps.de

Eine neue Besprechung zu 'Roadmovie Kapstadt' ist online erscheinen - und gibt meinem Buch die Altersempfehlung 16plus sowie 4 von 5 Punkten.

Eine zur Abwechslung durchaus positive Begleiterscheinung der schönen neuen digitalen Welt ist, das man sich und seine Talente in ganz neuer Weise ausleben und entwickeln kann. Das führt mitunter zu kuriosen synergischen Effekten zwischen Menschen, die sich dank des Netzes nicht nur auf beruflicher Ebene begegnen können, wie mir jüngst wieder offenbar wurde.

Ulf Cronenberg ist Lehrer, Psychologe und bewertet in seiner Freizeit Jugendbücher auf seinem Blog Jugendbuchtipps.de. Das erste Mal hörte ich von meinem Namensvetter im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit am Landesgymnasium für Hochbegabte, lernte  im Rahmen von Fortbildungen und den 'Gmünder Runden' zur Hochbegabtenpädagogik seine Arbeit am Deutschhausgymnasium in Würzburg schätzen. Letztes Jahr dann waren wir auf einmal Konkurrenten um ein und dieselbe Stelle, die für beide von uns vom beruflichen Profil wie geschaffen schien - und die dann doch anders besetzt wurde. Zum Glück, wie ich inzwischen sagen kann.

Auf der Suche nach Foren für mein eigenes Buch stieß ich auf dann auf die Internetseite meines Namensvetters - und staunte nicht schlecht. Gute Rezensionen, die sich intensiv und individuell mit den besprochenen Werken auseinandersetzen, aber sich nicht nur auf Mainstream und Kassenschlager beschränken, wo gibt es das heute noch? Eben - nur aus privater Hand, und im World Wide Web.

Der Kontakt war schnell hergestellt, Herr Cronenberg ließ sich dafür erwärmen, 'Roadmovie' einem Test zu unterziehen - und keine drei Tage nach Ankunft des Buches bei ihm war die Rezension online und kann hier nachgelesen werden.

'Ich hatte das Buch in drei großen Schwüngen ausgelesen und am Ende nachdenklich aus der Hand gelegt. Die Ecken und Kanten des Romans haben mich anfangs gestört, am Ende habe ich sie aber oft als bereichernde Leerstellen empfinden können, die dem Buch eine eigene, zweifellos intensive Note geben.'

schreibt Cronenberg, und sein Feedback nehme ich gerne an - auch wenn er mir nicht die volle Punktzahl gegeben hat, ist die Kritik aus seiner Sicht doch stichhaltig. 

17.10.10

Nachlese - Frankfurt

Die Frankfurter Buchmesse ist die größte Veranstaltung für Autoren, Verleger und Jäger des Lesestoffs in Deutschland. Gleich zweimal hatte ich hier Gelegenheit, 'Roadmovie Kapstadt' vorzustellen, einmal im Rahmen der open books Reihe, und einmal auf dem Messegelände selber.

Dass mein erster Besuch auf der Frankfurter Buchmesse der eines lesenden Autors werden würde, hatte ich mir auch nie träumen lassen. Doch unverhofft kommt ja bekanntlich immer anders als man denkt, und so war der erste Eindruck auf die Messeszene tatsächlich gleich der vom Podium hinab. Es war durchaus vergleichbar mit manchen Szenen aus der neunten Klasse - viel Gewusel, viel Lärm, alle scheinen einem geheimen Code zu folgen, wo gerade was interessant ist und was nicht. Schwarmintelligenz mag ein faszinierendes Phänomen sein, dass von der Allgemeinheit aber stets die beste Kunst mit Aufmerksamkeit gekürt wird, darf getrost bezweifelt werden.

Da schlägt der Puls schneller:
Ankündigung per Monitor in Halle 4.1

Trotzdem oder gerade deswegen fand sich am 10. 10. 2010 um 14:00 Uhr dann eine Gruppe etwa 20 mir fremder Zuhörer an der Bühne des Verlagskarrees ein. Verstärkt wurde dieser für die Verhältnisse erfreuliche Zustrom durch ein paar extra bestellte Freunde aus dem Frankfurter Umland (nicht nur Kim Jong Il kennt das Prinzip der Claqueure), und dem ein oder anderen Überraschungsgast (facebook Werbung funktioniert manchmal eben doch), die sich weder von der labyrinthischen Beschaffenheit des Messegeländes verwirren noch vom Anblick der in plagenhaften Dimensionen vertretenen Cosplayer in Schreckstarre bannen ließen, sondern pünktlich am Messestand erschienen. Vielen Dank an alle Supporter, you know who you are...

'Cape Tiooown, Cape Tiown! Kom di Kaap na! Kom, Mama, kom!'

Natürlich war ich nervös - Buchmesse in Frankfurt, wer wollte da sang froid sein Programm herunterspulen, mag man nach einer sommerlichen Deutschland Tour auch eine gewisse Routine haben. Trotz Mikrofons vernahm ich die eigene Stimme während der Veranstaltung dann auch kaum, was beim Lesen mindestens genauso irritierte wie die Tatsache, dass mir nicht alle der 'Millijunen Leut' in der Halle 4.1 zuzuhören schienen. Eine neue Erfahrung, war das Publikum bei bisherigen Lesungen doch durchaus diszipliniert gewesen.

Doch die kleine Gruppe ließ sich in den Bann schlagen (jedenfalls lief keiner weg) und es gelang sogar, ein paar der sich im Gang vorbei drückenden Passanten 'abzugreifen' und für ein paar Minuten nach Kapstadt zu entführen. Belohnt wurde deren Verführbarkeit am Ende dann durch einen hervorragenden, von Moselweine e.V. gesponserten Moselsekt am édition trèves Stand, wo das Verlagsteam und ich auf die Überschreitung der 4.000 clicks auf book2look anstießen - die zweite Auflage von 'Roadmovie' kommt dann wohl auch schon schneller als gedacht und eventuell noch vor Weihnachten in die Buchläden.

Nach der Lesung ist vor der Lesung.
Gelöst am Verlagsstand von édition trèves.

Entsprechend beschwingt verabschiedete ich mich dann von der Veranstaltung - ähnlich euphorisch wie nach einer guten Stunde in einer neunten Klasse.

Rampensäue haben hier wie dort halt einfach bessere Karten.

13.10.10

Rezension zu 'Roadmovie Kapstadt' in der Neuen Presse Coburg

Oh ja, es scheint noch Redakteure zu geben, welche zugeschickte Bücher tatsächlich lesen, sich eine Meinung bilden, und dann auch noch eigene Worte der Kritik finden, anstatt einfach nur die Pressetexte zu kopieren. Das erfreut, das macht Mut. Vielen Dank nach Coburg.




9.10.10

Travel Pussies und der Literaturnobelpreis 2010

Eine Autoreise von Stuttgart nach Frankfurt gehört so ziemlich zum langweiligsten, was man sich vorstellen kann. Kein Wunder, dass Kinder auf dem Rücksitz quengeln, während Ehepaare sich dem Scheidungsgrund entgegenstreiten. Das menschliche Gehirn steht nicht gerne still, und irgendetwas Sinnvolles muss man ja schliesslich mit seiner Zeit anfangen.

Doch wie sagte, seit kurzem auch nobelpreiswürdig, Mario Vargas Llosa: 'Das Leben ist ein Sturm von Scheiße, und die Kunst unser einziger Regenschirm'. Bleiben wir beim Sujet und machen bei einen kurzen Besuch in einem Autbahnraststättenabbort die Probe aufs Exempel.

In diesem Zusammenhang sollte ich erwähnen, daß Kondomautomaten in meinem Leben eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. Seit mir in der sechsten Klasse die Mutprobe auferlegt wurde, in der Restauranttoilette des örtlichen Karstadt zu warten, bis mindestens drei Zeugen zugegen wären, und dann eine Packung Präser zu ziehen, scanne ich die Angebote in öffentlichen Klos reflexartig. Dabei sind mir in der nun über zwanzigjährigen Studie zumindest zwei erwähnenswerte Trends aufgefallen:

Erstens sind die Kondomverpackungen höchst akkurate Anzeiger des Zeitgeistes. Waren früher dezente Verpackungen in hellblau oder rosarot angesagt, die ihren Inhalt nur im Kleingedruckten offenbarten, vögelten sich in meiner Jugend die Pärchen blondgelockt und weichgezeichnet durch Weizenfeldlandschaften. Eine Revolution waren dann Anfang der Neunziger die Billie Boys, die 'frechen anderen' Kondome, welche mit ihren lustigen Farben die Botschaft vermittelten, dieses ganze Sex-Ding wäre im Prinzip so einfach und unschuldig wie Smarties essen - im Rückblick eine bodenlose Frechheit. Heutzutage müssen die Verhüterlis offenbar wieder etwas verruchter daher kommen, um ihre Käufer anzusprechen, im Moment machen auf den Autobahnraststätten vor allem diejenige Kondome das Rennen, die die Grenzen zur pornografischen Darstellung sowie der Plausibilität der Körpermaße immer mehr überschreiten. Bei dem Overflow an Sex, Erotik und Fantasyliteratur auf allen medialen Kanälen irgendwie auch verständlich.

Travel-Pussy oder Seemannsbraut.
Auch nicht aufregender als eine Thermosflasche voller Hackfleisch. (Foto: Wikipedia)

Zweitens scheint die Kondomindustrie ihre besten Zeiten deutlich hinter sich gelassen zu haben. Wuchsen die Kondomautomaten spätestens nach dem AIDS-Schock der achtziger Jahre immer mehr in die Breite, und überforderten den scheuen Toilettenbesucher mit der Qual der Wahl zwischen Bananen- oder Lakritzgeschmack mit/und/oder ohne Krokodilnoppen, so ist aktuell ein dramatischer Rückgang der Gummidiversität zu beklagen. Die News from Nowhere Schnellstudie ergab: von durchschnittlich acht bis zehn Kondomautomatenschächten sind gerade mal zwei (!) noch mit Kondomen belegt. Daneben findet sich diverses Sexspielzeug, Gleitgels, Minivibratoren und essbare Unterwäsche aus Zuckerperlen, sowie Zahnbürsten, wobei die beiden letztgenannten Produkte ja zumindest irgendwie kausal zusammen hängen. Auf der Überholspur ganz weit vorne liegt allerdings ein Produkt namens Travel Pussy, das stets mit mindestens zwei Schächten vertreten war. Was wiederum den traurigen Schluß nahe legt, dass in Deutschland mehr gewichst als gevögelt wird - nun gut, hatten wir da wirklich etwas anderes erwartet?

Was bleibt nun als Erkenntnis? Kunst, verstanden als die Freiheit, die Wunder und Rätsel des täglich-alltäglichen Lebens per kreativer Inputprozessierung in Geschichten zu verwandeln, erklärt uns die Welt. Die Wahrheit mag dabei unter Umständen auf der Strecke bleiben, doch wen kümmert das schon - solange man der Versuchung wiedersteht, eine Religion zu gründen oder sonstwie Deutungshoheit beansprucht. Im erfrischenden Gegensatz zum naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnungsprozess muss man auch nicht ewig klare Flüssigkeiten ineinander schütten oder Computerdaten auswerten, um die euphorisiernede Wirkung des Heureka Gefühls zu kosten.

Q.E.D.

Muchas gracias, Senor Llosa, y felicidades!

2.10.10

B21 - Keine neuen Backshops bevor die alten nicht verbraucht sind!

Die Veränderung ist schleichend. Während das kritisch-wachsame Auge der Öffentlichkeit zur Zeit im Stuttgarter Schloßpark wasserwerfergeblendet den Kommunikationsgau um S21 zu durchblicken trachtet, verabschiedet sich anderswo in Spätzletown die Lebensqualität auf Raten. News from Nowhere aber ist wachsam - und wundert sich.

Wo sind die Demostrationen gegen das Aussterben der freien Parkplätze? Wann kettet sich endlich der Erste an die immer rarer werdenden öffentlichen Mülleimer? Wo wird die Mahnwache vor der Postfiliale abgehalten? Und wer - Wer? - gebietet eigentlich der Backshopmafia mit ihrerm leuchtfassaden-verschandelndem Raumhunger endlich und ein für allemal Einhalt?

Meine neue Heimat Heslach ist ein ruhiger Fleck gar nicht weit weg vom pulsierenden Herzen der schwäbischen Revolutionsmetropole. Selten riecht man hier Tränengas, trotzdem hat es so viel Berliner Flair, wie man es in Benztown nur bekommen kann. Ein fast bunter Mix aus Jungantifaschisten, Ex-Jugslawen und Schwaben hat es sich zwischen dämmungsbedürftigen Altbauten und Stäffeleanwesen gemütlich gemacht. Man kennt sich, trifft sich beim Metzger um die Ecke, der für seine Maultaschen den Friedensnobelpreis vedient hätte, und schlotzt zwischen zwei Demos gemütlich ein Viertele auf dem Bihlplatz. Doch selbst hier im romantischen Süden greift eine unheilvolle Verschwörung raffgieriger Nahrungsmittelindustrieller und Kettenhändler unbarmherzig nach der Seele eben jener Gemütlichkeit: Heslach verfällt dem Back-Wahn.

Auf meinem morgendlichen Weg zur U-Bahn komme ich an den Auswüchse dieser völlig unterschätzten Gefahr vorbei - auf dreihundert Wegmetern finden sich drei Kettenbäckereien, und direkt an der Haltesstelle verkünden baustaubgraue Reklamen die Freude auf ein viertes Etablissement dieser Art. War ich zunächst noch voll blinder Begeisterung ob der Möglichkeiten (oh, die Qual der Qahl zwischen Bio-Vollkorn-Schokocroisssant, käseverklebter halbwarmer Pizzazunge, oder Quarkkräuter-putenbrustdreiecksbrötchen...) so dämmert dem in unzählig belauschten U-Bahngesprächen sozialpolitisch geschärftem Verständnis doch nun, dass hier eine besorgniserregnde Entwicklung im Gang ist.

Wo einstmals Platz für Cafés und Weinstuben war, wo Kleinläden und Kneipen zum Stöbern und Verweilen einluden, man sich auf lauschigen Hinterhöfen traf und Bänkelsitzend den Enkeln beim Spielen mit Kreisel und Holzauto zuschauen konnte, benebeln nun die in rasenden Kopfschmerz resultierenden Backstubengebläsegerüche die Sinne, taumelt man wirr von einem Schnäppchenbrot zum nächsten Supersonderangebot, entscheidet sich für das falsche Pappwasserbrötchen, verkauft sich bei den zuckergussklebrigen Rosinenschnecken, und stolpert schließlich konsumorientierungsgestraft doch wieder mit einer Tüte voll bindungsmittelgestrecktem Gluten nach draussen, von deren Inhalt man jetzt schon weiß, dass er morgen nach nichts mehr schmeckt. Doch der Erfolg gibt dem Geschäftsmodell offenbar Recht: der Laie staunt, und man selber wundert sich, dass der Schwabe sich so viele Laugenstangen, Hefezöpfe und Butterbrezel in den Schlund stopfen kann, ohne an den brav gesparten Cent zu ersticken. Denn es muss sich ja schon ordentlich für die Discountbäcker lohnen, wenn sie alle paar Meter ein neues Backparadies einzuweihen im Stande sind.

Nun aber, in der Bahnhofsdämmerung von Stuttgart scheint die Zeit reif für eine Grasswurzelrevolution an der Backwahnfront. Die politisch inzwischen hoch sensibilisierte Bürgerschaft muss ja nur noch mit den entsprehenden Aktionen auf die Mißstände hingewiesen werden. Wir machen große politische Kehrwoche! Und räumen auf mit dem Lügenpack, dass uns Genuß verspricht und doch nur leere Kalorien liefert! Sitzblockaden vor sich automatisch ad absurdum öffnenden und schließenden Glasschiebtüren könnten ein erster Anfang sein. Dazu noch schnell ein paar markige Sprechchöre, vielleicht 'In der Not - schmeckt die Wurst auch ohne Brot!' oder vielleicht auch 'Wir haben Hunger, und was habt ihr?!'.

Spätestens bei Graffiti à la 'Kauft nicht bei Arschlöchern!' oder 'Spar dein Geld - Backs dir selbst!' wird dann sicherlich auch das politische Feuilleton anbeißen. Und wenn dann das erste unschuldige Schweinsöhrchen geworfen ist, gibt es kein Halten mehr. Schwarzer Block, Antifa, die Junge Linke - ich sehe sie schon durch die Innestädte ziehen, in jeder Hand ein brennende Tüte Aurora Weizenmehl Type 405.

Bis dahin: Küßt die Frischbäcker, wo ihr sie trefft. Man sieht sich bei der Montagsdemo.

25.9.10

Die Trompeten von Heslach

Nach den Reisen und Abenteuern der vergangenen 15 Monate hatte ich mich ja eigentlich auf eine ruhige Kugel qua Doppelexistenz Lehrer / Schriftsteller in der Beschaulichkeit der schwäbischen Landeshauptstadt eingestellt. Doch natürlich kommt es immer anders. Und zweitens findet man die schönsten Geschichten stets dort, wo man sie nicht vermutet.

Stuttgart ist mir bislang nicht gerade aufgefallen als Hort zivilen Ungehorsams. Wehe dem, der bei Kehrwochenfrondienst den Müllcontainer nicht ordnungsgemäß mit Seife und Bürstchen auswäscht! Oder, oh jemine, didgeridooblasend die Abendruhe missachtet. Umso mehr verwunderte, dass gewisse Lautäußerungen, wie sie erst in jüngerer Vergangenheit dem deutschen Bundesbürger überhaupt erst zu Ohren gebracht, und noch vor wenigen Monaten höchst skeptisch beurteilt wurden, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, nämlich immer um Punkt sieben Uhr abends, hier in meiner neuen Wohnstätte Heslach offenbar zum guten Ton gehören. Ja, unglaublich aber wahr, die Schalmaienklänge der Vuvuzelas, Plastik gewordenes Lieblingshaßobjekt von Waldi Hartmann und anderen Giganten der Sport-TV-Berichterstattung sowie gefühlten 99% der Bundesbürger, sind hier jeden Tag, ich wiederhole, jeden Tag! zu hören.

Glaubte man zuerst ein wenig naiv, dass in dem bunten Multikultiviertel im Süden von Benztown schlicht jeden Abend eine andere Nationalmannschaft von den Nachbarn bei irgend einem Freundschaftsspiel gefeiert wurde, und sich an dem jedes Mal pawlowscherhundeartig wieder einstellenden WM Feeling erfreute, konnte man doch nicht ignorieren, dass die Klänge Woche um Woche lauter und zahlreicher zu werden schienen. Auch, und dass war schließlich doch Anlass zum Hinterfragen der Ausgangshypothese, mischten sich immer mehr auch noch schrille Trillerpfeifen hinzu.

Ahhhh, machte der Autor, als er eines schönen Sonnenuntergangabends eins und eins zusammenzählte, und den Blick von der Dachterrasse schweifen liess. Es ist politischer Protest. Und er musste grinsen. Hatten sich die Germanen noch vor kurzem lautstark davor gefürchtet, die Horrortrompete könne schlimmstenfalls gar ihre heimischen Fußballstadien erobern, und dem unersetzlichen Kulturgut der Fangesänge dort den Garaus machen, so rächte sich diese jetzt bitterlich für die verhinderte Integration, indem sie die erste Geige beim akustischen Protest übernahm. Und das hier: im Familienwohngebiet mit Waldrandlage, im beschaulichen Stuttgart. Was leben wir doch in aufregenden Zeiten.

>============<) Trööööööööööt.

26.7.10

Sommerpause

Mach mal Pause - wenn diese Flagge am Strand von Muizenberg weht,
sollte man besser nicht ins Wasser gehen...


Ein Jahr Sabbat ist verflogen - und ich habe jetzt noch 7 Wochen Ferien, um mich davon zu erholen. Frische Posts zu allen möglichen Themen rund um 'Travel and Leisure' gibts dann ab September wieder. Bis dahin sage ich 'Danke' an alle treuen Leser!

Einen guten Sommer wünscht Euch

Ulf

22.7.10

'Surfen macht mich glücklich'. Ein Interview mit Peter Prochaska (II)

Leben und Surfen in Südafrika – ein Traum? Peter Prochaska ist mit 28 Jahren den Schritt gegangen. Er kehrte dem sicheren Bankjob in seiner Heimat Schweiz den Rücken, um in Kapstadt als Surflehrer zu arbeiten. Mit News from Nowhere spricht er über seine Leidenschaft für das Wellenreiten und wie er den Alltag in Kapstadt erlebt.


Traumhafte Sonnenuntergänge über der Innenstadt.
In Cape Town fast täglich zu beobachten.

NfN: Peti, Du lebst und arbeitest in Südafrika, einem der angeblichen gefährlichsten Länder der Welt. Wie gehst du mit dem Alltag hier um, wie erlebst Du Kapstadt?

PP: Also mir gefällt es hier sehr – ich glaube, ich blick noch nicht so ganz durch (lacht). Auf mich wirkt es auf jeden Fall so, als wären viele Leute sehr, sehr arm, aber trotzdem irgendwie glücklich - als versuchten die meisten, das Beste aus dem Tag zu machen. Und sie sind freundlich auch gegenüber Leuten, die so offensichtlich mehr haben als sie selber. Wenn man hier einen Straßenverkäufer anlächelt, aber nichts kauft, dann lächelt der zurück und wünscht einem eine schönen Tag. Von der Landschaft, vom Meer her, ist Kapstadt, und Südafrika allgemein, natürlich etwas ganz Wunderbares.



'Buy some naartijes, man!' Straßenhändler in Kapstadt.


NfN: War es eigentlich Zufall, dass du bei enDo Südafrika gelandet bist?

PP: Also die Massenabfertigung in Surfcamps wie ich sie z. B. in Frankreich erlebt habe, gefiel mir nicht. Ich finde, da wird Surfen anders verkauft, als es eigentlich ist. Mal ein Brett auszuleihen, und sonst Party machen... ich glaube das Surfen ist mehr, und enDo versucht, das auch zu vermitteln. Gerrit Handl (der 'Kopf' hinter enDo Südafrika, Anm. d. R.), war ja schon von Anfang an mein Mentor. Als ich dann vor zwei Jahren das erste Mal hier unten in Kapstadt war, hat es mich so begeistert, auch ohne Gerrit, auch ohne Surfcamp, dass ich gerne wieder gekommen bin.

NfN: Du sprichst davon 'wie das Surfen eigentlich ist'. Kannst Du etwas über das Wellenreiten sagen, ohne lächerlich zu klingen?

PP: Hmmm, schwierig (lacht). Ich habe noch keinen Weg gefunden, einem Nichtsurfer etwas über das Surfen zu erklären, ohne das man sich dabei blöd, arrogant, oder verträumt vorkommt. Meine Freunde verstehen noch von meinen Snowboardzeiten her, dass das was ich gerne mache, exzessiv betreibe. Für mich bedeutet dass, das ich etwas solange mache, bis ich genug davon kriege, und wenn es das Richtige für mich ist, kriege ich nie genug davon (lacht). Der Bankjob war es auf jeden Fall nicht (lacht).

Beim Snowboarden stand ich vom ersten bis zum letzten Tag der Saison auf der Piste – aber wenn ich mich zwischen Surfen und Snowboarden entscheiden müsste, würde ich ohne zu zögern das Surfen wählen. Und so habe ich das auch meinen Freunden erklärt, und die haben verstanden, okay, er muss etwas gefunden haben, das muss etwas sein.



Welle wartet auf Surfer. Hier am Scarborough Beach, Kaphalbinsel.


'Normalen' Menschen das zu erklären,finde ich sehr schwierig, weil man sich ja auch nicht den Anschein geben will, einen Funsport zu etwas zu erheben, das über Allem steht. Letzten Endes ist es aber genau so: Wenn man surfen geht, lässt man alles andere komplett hinter sich. Man setzt sich mit den Elementen auseinander, und in dem Moment, wo man auf der Welle ist, bleibt irgendwie die Zeit stehen, und alles andere wird unwichtig. Und diesen Moment liebe ich.

Meine Mutter, die so überhaupt nichts mit dem Surfen am Hut hat, hat mir einmal an den Kopf geworfen: 'Seit du surfst, bist du ausgeglichener und glücklicher.' Das hat mich schon sehr überrascht, weil sie einerseits Dinge in der Richtung nur sehr selten sagt, und weil ich mich andererseits mit meinen Eltern noch nie wirklich über das 'Warum' des Surfens unterhalten habe. Ich weiß ja auch nicht ob das jetzt so stimmt oder nicht, aber ich denke, wenn eine Mutter das zu ihrem Sohn sagt, dann wird da schon was dran sein.

NfN: Was ist denn dein Lieblingssurfspot?

PP: Ich sag jetzt mal: Die Kapregion (lacht).

NfN: Das müssen hunderte Spots sein...

PP: Ja, also, im Ernst. Lieblingsspot... ich will mich nicht unbedingt festlegen, aber was ich schon gerne mag sind die West Coast Spots, und diese Ecke in der Nähe des enDo Camps besonders - Big Bay surfe ich immer gerne immer wieder.

NfN: Peti, danke für das Gespräch. Und alles Gute!

PP: Gern geschehen.


Nicht umsonst heisst dieser Strand bei Kapstadt 'Shelly Beach'.


21.7.10

Surf now, work later. Ein Interview mit Peter Prochaska (I)

Peter Prochaska ist ein freundlicher junger Mann, der auch auf einer Bank arbeiten könnte. Genau das hat er auch getan, ganze neuen Jahre lang, bis er nach Südafrika aufbrach, um fortan als Surflehrer im enDo Camp in Kapstadt zu arbeiten. News from Nowhere unterhielt sich mit dem sympathischen Schweizer über seine ungewöhnliche Karriere.

Peti, wie er sich am liebsten sieht:
Im Auftrag des Wellenreitens unterwegs.

NfN: Peter, vom Bankangestellten zum Surflehrer - was ist passiert?
PP: Ich habe ganz normal das Fachabi BWL gemacht, bin danach in die Bankausbildung, und habe neun Jahre auf der Bank gearbeitet. Dann hab ich gekündigt und bin Surflehrer geworden.
NfN: Aber warum bloß?
PP: Ich war begeisterte, manche würden sagen: exzessiver Snowboarder. Ich habe dann etwas für den Sommer gesucht, das Surfen ausprobiert, und war so geflasht, dass ich mir sofort ein halbes Jahr Auszeit genommen habe, um richtig surfen zu lernen. Gegen Ende des halben Jahres war ich dann im enDo Surf Camp in Tamraght, Marokko - da hatten die gerade Personalsorgen, und mich gefragt, ob ich nicht aushelfen könne. Über die Jahre reifte dann der Plan, ganz aus dem Bankbetrieb auszusteigen.

Solche Momente erlebt man in der Schweiz recht selten:
Unbekannter Surfer in Outer Kom, Kapstadt
(click pic to enlarge and see the second surfer)

NfN: Mit 28 Jahren dem sicheren Job den Rücken kehren, und als Surflehrer nach Südafrika gehen - das ist ja ganz schön mutig.
PP: Ja, manche sehen das so. Ich empfinde das gar nicht als so mutig, da ich eine gute Grundausbildung habe und über lange Berufserfahrung verfüge. Ich mache mir eigentlich keine Sorgen, dass ich nach zwei, drei Jahren den Wiedereinstieg nicht schaffen könnte.

NfN: Du siehst dich also nicht als Aussteiger im klassischen Sinne?
PP: Nein, ich mache einfach das, worauf ich wirklich Bock habe.

NfN: Wie hat denn dein Umfeld reagiert?
PP: Also auf der Bank selber war das natürlich schon ein Ding - der Typ ist unter 30 und hört auf zu arbeiten - die sehen das ja auch nicht als Arbeit hier im Surfcamp, das gilt mehr als so was wie Urlaub, ist es aber natürlich nicht. Aber meine Freunde haben sich gefreut, dass ich diesen Schritt wage. Manche hatten schon früher vermutet, dass der Bankjob nicht so recht zu mir passen würde.

NfN: Aber materiell gesehen ist das ja schon ein krasser Abstieg?
PP: Das ist es mir wert - weniger in der Tasche zu haben, aber das zu machen, woran ich Spaß habe. Ich fand auch, dass in dem Bankumfeld die Leute Sachen hinterhergelaufen sind, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Als ich anfing, Teilzeit zu arbeiten, meine Surfurlaube bezahlen musste, und zusätzlich noch Geld für den 'Ausstieg' auf die Seite legte - das bedeutet schon Verzicht. Aber die ganzen Objekte, die ich mir gekauft hatte, als ich noch Vollzeit arbeitete, und nichts vom Surfen wusste - heute würde ich sagen, die waren es eigentlich gar nicht wert. Ich habe das Geld damals verballert, aber das hat mich nicht unbedingt glücklicher gemacht, eher im Gegenteil.

NfN: Also im Moment siehst Du auf jeden Fall glücklich aus.
PP: Jo! Das bin ich auch! (lacht)

Im nächsten Post am Freitag spricht News from Nowhere mit Peter Prochaska über seine Leidenschaft für das Wellenreiten und das Leben in Südafrika.


15.7.10

Surfin' RSA: Albtraum Jeffreys Bay

Südafrika hat ungezählte und oft noch unentdeckte Surfspots zu bieten. Doch die Zeiten, wo man wie im Kultfilm 'Endless Summer' beschrieben am liebsten mit allen seinen Kumpels und deren Freunden zusammen in die Wellen springt, sind vorbei - auch in Mzansi werden die secret spots dank der Entwicklung des einstigen Randphänomens Wellenreitens zum Breitensport inzwischen eifersüchtig gehütet. Jeffreys Bay, einst der Traum jedes Wellenjunkies, ist Paradebeispiel dafür, wie Surfer, Industrie und Tourismus einen Strand und das dazu gehörende Dörfchen veschandeln können.

Werbewirksam: Ein Spot wie Supertubes zieht Sponsoren an,
die ja auch irgendwo ihre Sticker loswerden müssen.



Kaum ist die WM verklungen, und die letzten Vuvuzelas werden von den Rängen der nun leer stehenden Stadien gefegt, da findet in Südafrika erneut ein Sportevent von globalem Interesse statt. Ab dem 15. Juli beginnt der 'Billabong Pro' bei Supertubes in J'Bay, eine Station auf dem Zirkus des professionellen Surfens. Auch wenn die Zuschauerzahlen sicher nicht mit denen des Fußballs zu vergleichen sind, hat das weltweit gestiegene Interesse am Wellenreiten in nur zehn Jahre dazu geführt, dass man J'Bay heute nicht wiedererkennt.

Ein ruhiger Tag am Spot. Supertubes liefert die perfekte Welle.

Supertubes, das ist für viele Surfer das Mekka ihrer Zunft. Das Bild der perfekt hintereinander brechenden, ewig laufenden barrels mit den surfenden Delphinen darin ist im kollektiven Memplex der Szene fest verankert. Doch wer sich von diesem Anblick abwendet, und auf das Städtchen dahinter schaut, prallt zurück - Jeffreys Bay ist die am schnellsten wachsende Kommune Südafrikas, und wo vor gar nicht langer Zeit lediglich Aloen aus den Dünen wuchsen, wo es zwei Backpackers und einen kleinen Supermarkt gab, steht jetzt ein ausnehmend häßlicher, schmalfenstriger Ziegelsteinbau neben dem anderen. Ferienwohnungen, Surflodges, Outlets drängen sich entlang der Straße. Und leider ist bei all dem vom 'Surf-Spirit' wenig zu spüren. Es geht um die Kohle, um den Profit, um den Hype der Superstars.

Wagenburg oder Surfcamp? Hier ist man sich nicht ganz so sicher.

Sicherlich ist es höchst interessant, den 'Billabong Pro' vor Ort zu verfolgen. Und natürlich lockt die perfekte Welle, auch wenn es inzwischen schier unmöglich ist, zwischen den vielen Mitstreitern eine davon zu erwischen. Doch ansonsten kann man inzwischen um J'Bay getrost einen Bogen machen. Nur wenige Kilometer die Küste entlang findet man es dann wieder, das Südafrika, wo man die Weite spürt, die Schönheit, die Wildheit des Kontinents. Und wo Aloen in den Dünen stehen und die Welle fast perfekt bricht.

Nichts gegen Kelly. Aber Slater steht natürlich stellvertretend für die ganze Surfindustrie.

Und hier gibt es noch ein Schmankerl:
Jordy Smith wins Billabong Pro 2010

13.7.10

Aus und Vorbei: Ein Resümee zur WM Tour 2010

Mit fulminanter Feier endet die WM in Soccer City, Spanien wird verdient Weltmeister, und Nelson Mandela winkt zum Abschied herzerweichend aus seinem Madibamobil. In Deutschland schmilzt derweil der Asphalt, Phillip Lahm heiratet, und meine sommerliche Lesetour ist zu Ende.

Creative Writing 04 Alumni Treffen im Karlsruher NUN-Café.

Was für ein Monat! Jede zweite Nacht eine andere Matratze, genau 6952 gefahrene Kilometer, an die 250 signierte Bücher und über 600 Zuhörer für 'Roadmovie Kapstadt'. Wiedersehen mit Freunden noch aus Studientagen, freudiges Entdecken neuer Seiten an Ex-Schülern, neue Kontakte zu Südafrika-Afficionados landauf, landab - und jedes Spiel der deutschen Mannschaft in einer anderen Stadt.

Mein Verkaufsstand am Afrikatag der Universität Freiburg.

Das erste Tor der WM, natürlich für Mzansi, bejubelt am Hauptbahnhof in Berlin... der deutsche Auftaktsieg, gesehen mit meinem Vater bei Public Viewing in Trier... die erste Niederlage, erlitten in einer Studenten-WG in Freiburg... das entscheidende Spiel gegen Ghana (I feel so sorry for you, Black Stars!) zwischen den Helmen der freiwilligen Feuerwehr Heimbach... die Vernichtungsschlacht gegen England, bezeugt im Bavaria Biergarten München... Maradonnas Tränen per Beamer auf einer Hochzeitsfeier im Rheingau... schmerzlicher Abschied von Titelträumen im Garten eines Stuttgarter Mehrfamilienhauses... und versöhnliches Ende auf dem Walther-Platz im Südtiroler Bozen. Und dann - dann kommt er kurz über den Platz gefahren, Madiba Nelson Mandela. Lasst ihn doch in Frieden, den alten Mann, hätte ich vorher gesagt - doch dann strahlt er, mit der Leuchtkraft eines Übermenschlichen, und mir läuft es in Schauern den Rücken herunter. Dass er das noch erleben darf, diesen bislang größten Triumph Südafrikas über Apartheid, inneres Chaos und westliche Skepsis. Manchmal wird eben doch am Ende alles gut.

Letzte offizielle Lesung der Sommertour in der Münchner Favorit Bar.

Ein großes Dankeschön möchte ich an alle diejenigen loswerden, die mir diese grandiose WM-Tour ermöglicht haben. Eure Gastfreundschaft, Netzwerke und die vielen guten Gespräche machen den Sommer 2010 für mich unvergesslich.

Machen sich im Regal ganz hervorraend:
'Roadmovie Kapstadt' und FoCWET Merchandise Artikel.


Ein ganz besonderer Dank geht an all jene Zuhörer, die mit einer Spende aktiv dazu beigetragen haben, dass es mit Mzansi auch nach der WM entgegen des unvermeidlich abflauenden Interesses weiter voran geht. Insgesamt 322,70 Euro konnte ich für Friends of Cape Windjammers e.V. sammeln - Geld, dass in die Zukunft Südafrikas gut investiert ist.

1.7.10

Go against the flow: Der Eisbach ruft

Spätestens seit dem unerwarteten Erfolg der Dokumentation 'Keep Surfing' ist der Eisbach mitten in der Münchner Innenstadt für landbrüchige Wellenreiter mit Entzugserscheinungen in den Brennpunkt des Interesses gerückt. Auch der Autor dieser Zeilen nutzte einen Lesestopp in der bayrischen Landeshauptstadt, um den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Das Resultat nach drei Tagen Selbstversuch: mehrere ansehliche blaue Flecken, ein geprelltes Steißbein - und ein sehr breites Grinsen.

Schönes Ding. So kann es aussehen, der Flow auf dem Eisbach.
(Photo: Moritz Wollenberg)

Für was so eine Lesetour durch Deutschland alles gut sein kann: Diesen Juni konnte ich lange vermißte Freunde in Hamburg, Münster, und Göttingen besuchen, mit Kommilitonen aus dem Grundstudium über den Geschlechtswechsel der Miesmuschel rätseln, oder Ex-Schüler in ihrem Kampf gegen eine Klage wegen Verstoßes gegen das Landesemisionsschutzgesetzes unterstützen. Krönender Abschluß war aber der Versuch, es jenen tollkühnen BezwingerInnen der inzwischen legendären Eisbachwelle gleichzutun. Surf's up in Munich!

Ich treffe den enDo Teamer und Eisbach Local Moritz Wollenberg alias Mundaka Mo unten an der Welle. Das letzte Mal haben wir uns vor fast neun Monaten im Surfcamp in Tamraght, Marokko gesehen, doch schnell stelle ich fest, dass Mo auch hier nur für eines brennt: Surfen! Von nahem betrachtet ist der Eisbach ein reißender kleiner Fluß, und etwas verunsichert bestaune ich Mo und die anderen Cracks, die mit Anlauf vom Ufer abspringen und scheinbar mühelos ihre Drehungen und Sprünge auf die stehenden Welle zaubern. Dann soll ich es schließlich selber wagen: Mit vor Aufregung zitternden Knien steige ich in meine Boardshorts, schnappe mir Mos Brett und reihe mich in die Schlange der Wartenden ein. Kaum kann ich mich auf die letzten Ratschläge konzentrieren - je näher mein Einsatz rückt, umso unwahrscheinlicher kommt mir vor, auf diesem brodelnden Chaos aus Wasserschaum auf einem Brett balancieren, geschweige denn selbiges noch kontrollieren zu könnnen. Immer abwechselnd von jeder Uferseite steigt man ein, manche Surfer halten sich ein paar Sekunden, andere scheinen ewig ihre Turns zu fahren. Doch schnell wird die Schlange immer kürzer, noch drei , zwei, eins Surfer sind vor mir dran. Auch mein Vorgänger verliert irgendwann das Gleichgewicht, sein Board knallt mit dem häßlichen Geräusch brechenden Epoxyharzes zwanzig Zentimeter neben meinen Füßen gegen die steinerne Einfassung, sein Körper schlägt lang ins Wasser.

Mission erfolgreich. Der Körper geschunden, doch die Seele fliegt.

"Wenn Du fällst, oben bleiben, egal wie," sagt mir Mo noch, und dann hält er mir das Brett, ich sitze auf der Ufereinfassung, stelle meine Füße darauf, tausend Gedanken rasen mir durch den Kopf, die Angst vor den Steinen, die Furcht zu versagen, mich zum Gespött zu machen vor den Surfern und anderen Zuschauern, es ist ein einziger neuronaler Sturm der emotionalen und physischen Anspannung, ich kann den Blick auf das unglaublich schnell strömende, brausende Wasser kaum ertragen, schwindelig wird mir, doch den Blick zu lösen gelingt mir auch nicht, ich spüre, wie das Wasser kalt um die Knöchel gurgelt, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ich muss nach vorne belasten, um nicht mitgerissen zu werden - warte nicht zu lange, sonst traust du dich nicht mehr, schalte die Gedanken ab, jetzt musst du loslassen! Ich hole tief Luft, stelle mich auf das Brett, und stoße mich mit beiden Händen von der Einfassung. Und dann... ist alles Stille.

Natürlich ist das Eisbach-Surfen mit dem auf Meereswellen nicht zu vergleichen. Es kommt nicht zu der unglaublichen Beschleunigung im Moment des Take-Off, wenn die Welle gnädig genug ist, einen mitzureißen. Doch der Stoke, der aus dem Erleben des Jetzt resultiert, der Flow, wie ihn vielleicht noch Free Climber oder Apnoe-Taucher kennen und suchen, ist hier absolut vorhanden. Kaum bin ich auf dem Wasser, verliert alles andere an Bedeutung. Es geht nur um den Moment, um das Jetzt, das Hier, das Brett, das Wasser, die Bewegung. Vergessen sind glotzende Touristen und hämische Profis, Angst und Peinlichkeit. Das Universum öffnet sich - und hört im selben Moment auf, zu existieren. Der Kopf ist frei. Der Moment unendlich.


Ein besonderes Schmankerl. Mundaka Mo, a.k.a. Moritz Wollenberg stellt
News from Nowhere dieses Eisbach-Video zur Verfügung.
Maximum Respect, brother!


Es dauert in Echtzeit natürlich keine drei Sekunden, bis ich das Gleichgewicht verliere und ins Wasser klatsche. Eisbach - das muss man wörtlich nehmen, und auch den Rat, möglichst viel Wasser zwischen sich und das Flußbett zu bringen. Ich schramme mit dem Gesäß an einem der vielbesungenen Steine vorbei, strample, tauche endlich auf, und bin doch sehr lange damit beschäftigt, mich aus dem strömenden Fluß zu kämpfen. Meine Schulter habe ich mir bei dem Sturz auch verzogen, die Unterarme sind vom Festhalten an den scharfkantigen Ufersteine rot geschwollen. Doch innerlich jubeliert es in mir, meine Synapsen werden mit Endorphinen schier überschwemmt. Breit grinsend trabe ich zurück zur Einstiegsstelle - und will dasselbe, bitte, nochmal, nochmal. Mo grinst zurück. Er weiß, was gerade bei mir im Kopf abgeht.

Man mag über die Verrückten den Kopf schütteln, die in Neo und mit dem Board unter dem Arm durch München radeln. Aber wer es mal selbst probiert hat, muss zugestehen: der Stoke ist da... und meine nächste Tour führt auf jeden Fall wieder hier vorbei. Dann aber mit eigenem Brett. Das wartet bereits in einem Münchner Keller auf den nächsten Einsatz.