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13.6.10

Vuvuzela: Horror hat einen neuen Namen

Was von Dezibel-Enthusiasten zunächst zur südafrikanischen La Ola gekürt wurde, machte schnell Negativschlagzeilen: BILD spricht vom Tröten-Horror, Fußballkommentatoren jammern, daß sie das eigene Wort nicht verstünden, und auf blogs und in Interneforen schäumt der Haß. Im Eifer des Gefechts fordern einige Selbstgerchte, den Afrikanern das Tröten zu verbieten. Und üben sich damit in post-kolonialer Überheblichkeit.


Aufrüstung mal anders:
Die original Vuvuzelas sind übrigens einfarbig, nix schwarz-rot-grellgelb.

Mit deutlicher Verunsicherung im Blick fragte eine ARD Journalistin nach dem Eröffnungsspiel drei schwarze Zuschauerinnen, ob das hier nicht doch 'ziemlich laut sei?'
"YES, ITS SO MUCH FUN!!!" lachten diese zurück, warfen ihre Köpfe in den Nacken und zeigten angespitzte Eckzähne. Africa is loud, das hat wohl inzwischen jeder begriffen. Und diese WM ziemlich anders als die deutsche Version des Spektakels vor vier Jahren. Wer aber durch die europäische Erwartungsbrille auf diesen Event schaut, und die Geräuschkulisse moniert, demonstriert kulturelle Kurzsicht.

Die deutsche Mannschaft stand noch nicht einmal auf dem Platz, da hatte die Nation also bereits das Feindbild dieser Weltmeisterschaft gekürt: Es ist etwa 70 cm lang, aus buntem Plastik, macht einen ohrenbetäubenden Krach und hat diesen lustigen Namen, der an einen seinerseits etwas nervigen deutschen Fußballgewesenen erinnert.


Die Vuvuzela wird derzeit zum Kristallisationspunkt eines Kulturkampfes - man muss sich nur mal die Internetforen zu diesem Thema durchklicken. Und, zugegeben, Ohrstöpsel machen durchaus Sinn, wenn mehrere Tröten zusammenkommen, genau wie beim örtlichen Disko- oder Festivalbesuch. Und ja, die traditionsreichen Fußballchöre der Europäer werden in Südafrika auf weiten Strecken überstimmt. Das Recht des Lauteren ist diesmal nicht auf unserer Seite. Schade, ne. Und daß das Gesumme in der Fernsehübertragung dank gekappter Frequenzen wie ein gereizter Wespenschwarm auf Zwetschenkuchenjagd klingt, ist irgendwie tatsächlich doof.

Doch so manche Empörung ist ihrerseits lachhaft. Angeblich trainieren die Deutschen jetzt mit Zeichensprache. Man stelle sich vor, Jogi könnte auf sein Geschreie mit astdicker Halsschlagader verzichten, und dirigierte statt desse lässig mit subtilen Handzeichen vom Spielfeldrand. Zu postmodern für den deutschen Fan?

Trötet laut und trötet gut: Südafrika feiert seine Vuvzela- Kultur.

Diese erste WM auf afrikanischem Boden ist nicht nur Profilierungsschauplatz europäischer Kultur, sondern öffnet ja hoffentlich auch unseren eurozentristischen Blick - sowie unser klassisch geprägtes Ohr - für die Welt. Andere Länder, andere Sitten, andere Fußballgepflogenheiten. Wer die Vuvuzelas verbieten will, hat das nicht verstanden, und verhält sich in seiner Ereiferung verärgert, verängstigt, (post-) kolonial. Ein bisschen wie der Tourist, der in Bangkok oder Kapstadt nicht auf sein Schnitzel mit Pommes verzichten will. Zu Welmeisterschaften gehörten aber schon immer die Bedingungen vor Ort: der Zustand des Rasens, die Zeitumstellung, das Wetter. Und der Heimvorteil. Für manche Kleingeister, die immer alles so haben wollen, wie es 'schließlich nur normal' sei, eine unerträgiche Vorstellung.

Dabei ist es so leicht, mit der Vuvu Spaß zu haben - es ist ja auch nur für diese vier Wochen! Danach wird die Tröte als Fußnote der WM wieder verschwinden, zumindest aus Europa. In Afrika ist sie schon lange nicht mehr wegzudenken, nicht nur aus den Stadien, auch aus Kirchen und bei jeder öffentlichen Kundgebung. Deshalb: Wer von den Horrotrompeten nicht weggeblasen werden will, wie anno dazumals die Mauern von Jericho, tut gut daran, für die Dauer dieser WM mit den Afrikanern zu feiern.

Ansetzen, tief Luft holen, und pusten, was die Lunge hergibt!

Aweeeeeethu iAfrika!


11 comments:

Anonymous said...

Na, da freue ich mich doch, dass meine Hörgeräte Störgeräusche rausfiltern.

Mal sehen, wie arrogant die FIFA sich in diesem Punkt zeigt.

Sammy

Don Paul said...

Tja, ein bisschen verärgert bin ich schon über deine Wortwahl «post-kolonialistisch», denn das ist genau der Begriff, den ich in Diskussionen mit Freunden immer gebraucht habe, und ich hatte darauf spekuliert, jetzt auch hier damit protzen zu können.
Deshalb beschränkt sich meine Stellungnahme hier im wesentlichen darauf, dir in allen Punkten recht zu geben.

Schon sehr sonderbar, sechs Jahre lang zu brüllen: «Jaaa, Südafrika, ich liebe deren enthusiastische Fußballkultur, das wird so super!», und jetzt auf einen Schlag durch die Gegend zu posaunen (haha, welch ein Wortwitz!), Fußball sei doch ein europäischer Sport und deshalb könnten wir der Welt vorschreiben, wie mit Fußball umzugehen ist.
Nur noch skurril ist die Argumentation zu nennen, die Vuvuzelas müssten wegen drohender Gesundheitsschäden verboten werden. In den Stadion stört sich offensichtlich niemand daran, in einem Pulk Vuvuzelas zu stehen (entsprechende Gegenmaßnahmen in Form von Ohrstöpseln kann jeder selbst treffen); und am Fernseher kann ja wohl nur schwerlich etwas passieren. Außerdem: die Lärmbelastung in einem Orchestergraben ist erheblich höher als in einer südafrikanischen Fankurve, im Grunde sollte man also auch diese «kranke europäische Vorstellung von ›Kultur‹« mal überdenken …

Abschließend: Ich finde die Geräuschkulisse bei dieser WM super! Auch wenn ich es in der Bundesliga nicht haben möchte, weil ich ans Singen und Brüllen so gewöhnt bin, werde ich es diese vier Wochen sehr genießen.
Aber selbst wenn man nicht meiner Meinung ist, bedeutet das doch nicht, dass man die Vuvuzelas zum Gesprächsthema Nr. 1 erheben muss. Viel nerviger als die Geräuschkulisse finde ich nämlich die Berichterstattung, die sich in dreistem Umfang und ausschließlich negativ mit Vuvuzelas beschäftigt: In allen bisherigen 7 Liveübertragungen endlose Monologe der Reporter plus zahllose MAZen zwischen den Spielen – es reicht!

So, und jetzt genug davon, weiter gehts mit Slowenien - Algerien …

Ulf Iskender Kaschl said...

@ Don Paul

...und Slowenien holt die ersten Punkt ejemals bei einer WM. Pozdrav!!!

Übrigens bin ich mir gar nicht so sicher, ob 'post-kolonialistisch' die richtige Wortwahl ist, ich hatte 'neo-kolonialistisch' 'imperialistisch' und klassisch 'kolonialistisch' auf den Fingerspitzen, und dann verworfen. Aber post-kolonialistisch, könnte das eben nicht auch heißen, dass man den Kolonialsmus hinter sich gelassen hat? Stimmt dann halt auch nicht mehr ganz.

Caro said...

Schließe mich allzu gern meinen Vorkommentatoren an; es ist doch nur schön, daß die südafrikanischen Fans ihrer Begeisterung so laut Ausdruck verleihen, daß auch wir vor dem Fernseher was davon haben. Endlich mal was Anderes als die ewig gleichen "Chöre". Und wer das verbieten will, soll die WM nicht erst nach Südafrika bringen. Ich freu mich an einem kleinen Stückchen etwas anderer Kultur! (Zu meiner Schande gestehe ich: ich hab noch gar keine Vuvuzela. Aber gleich morgen geh ich eine kaufen.)

Thorsten said...

Danke! Sehr schöner Artikel

Micha said...

Auch ich muss uneingeschränkt Recht geben. Diese Sache ist im Grunde so lächerlich, aber dennoch macht es mich furchtbar wütend, das andere meinen, sie dürften so wütend über die Vuvuzelas sein.

Es ist schlicht zum Kotzen, wie anmaßend nun vor allem in Deutschland abgeurteilt wird.
Besonders schockierend ist dabei, wie unsensibel, selbstgefällig und überheblich auch etablierte Journalisten bzw. Medien damit umgehen.
Ich bin zutiefst beschämt, dass man es wagt, den Gastgebern eine derartige Ohrgfeige zu verpassen, wo doch angeblich alle so froh und stolz sind, dass die Fußball-WM nun in Afrika angekommen ist.
Ein bißchen so nach dem Motto "WM in Afrika, na meinetwegen – aber bitte leise".

Da wird nun an den Tröten gemäkelt, die im Gastgeberland eben zum Fußball dazugehören. Das ist sehr beschämend - und leider sehr deutsch. Eine Frechheit, die ihresgleichen sucht.

Man hat das gefälligst zu akzeptieren, sich im Zweifelsfall so ein Teil zu schnappen und mitzutröten – Oder man hält die Klappe und schaltet einfach ab.
Manchmal täte ein bißchen mehr Afrika in jedem von uns ganz gut.

Anonymous said...

"This type of plastic horn or trumpet has been used in Mexican stadiums since the 1970s.Originally made out of tin, the vuvuzela became popular in South Africa in the 1990s."
Wer hier von südafrikanischer Fussballkultur redet macht sich selbst etwas vor.
"Der Rugbyspieler Bandise Maku, der vergangenen Monat wegen der Verlegung zweier Rugbyspiele in ein Townshipstadion dort erstmals vor den beim Rugby eigentlich verbotenen Vuvuzelas spielte, äußerte Verständnis für die zunehmende Kritik an der Tröte aus dem Ausland: „Ich kann mir vorstellen, dass Spieler, die noch nie in einer solchen Atmosphäre gespielt haben, es sehr schwer haben. Man braucht einfach Zeit, um sich an den enormen Geräuschpegel zu gewöhnen.“"
http://www.tagesspiegel.de/sport/fussball-wm2010/vuvuzela-die-stimmung-ist-gekippt/1857148.html

Ulf Iskender Kaschl said...

Lieber Anonymous,

es gehört zur duetschen WM Kultur, nach einem Sieg laut hupend und Fahnengeschmückt durch die Innenstadt zu brausen. Es gehört zur deutschen WM Kultur, public viewing an öffentlichen PLätzen anzubeiten. Seiut wann? Ach ja, seit vier Jahren.
Kultur ist ein dynamischer Prozess, kein statischer Zustand. Wenn man sich veranschaulicht, was seit 1990 in Südafrika alles passiert ist (!) wird ja wohl klar, dass die Argumentation es handele sich bei dem vuvuzela Krach nicht um authentischtes Südafrika nicht haltbar ist.

Rugby Spieler sollte man nicht zu Fußball befragen, schon gar nicht in Südafrika. Da spielen so viele andere Arguente unterschwellig mit, dass einem schwindlig werden kann.

Grüße,
Ulf Kaschl

Anonymous said...

"es gehört zur duetschen WM Kultur, nach einem Sieg laut hupend durch die Innenstadt zu brausen.[...]Seiut wann? Ach ja, seit vier Jahren."
Beweise dafür nehmen ich gerne entgegen. Ich habe dies nämlich deutlich anders in Erinnerung.
Die öffentliche Leichenschau stört nicht das Fußballvergnügen Dritter.
Warum sollte man Fussball nicht mit anderen in Südafrika beliebten Sportarten vergleichen, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen ablaufen?
Warum wird dort Fussballfreunden der Krach zugemutet Rugybfans aber nicht?

Anonymous said...

Lieber Anonymous,

ob das public viewing oder die Straßenkorsos seit vier oder acht Jahren existieren, ist doch zweitrangig. Ulfs Gegenargument zur Unterscheidung von Tradition und Kultur ist doch eindeutig. Beweise muss er also nicht liefern.

Rudel

Ulf Iskender Kaschl said...

...beim Golf gelten natürlich andere Bedingungen als beim Fussball. Beim Rugby auch. In Südafrika traditionell ein eher weißer Sport wird dort von jeher auf Vuvus verzichtet, weil supporter der Springboks eben nicht aus den twonships kamen. Kein Wunder ralso, dass sich ein Rugby Spieler von vuvuzelas also beeinflußt fühlt und Verständnis für seine Fußballerkollegen hat. Aber wie anderswo bereits dargelegt, wer sich Weltfussballer schimpft, kann auch mit der Situation in Soccer cCity umgehen.

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