Home: Die Werkstatt Südafrikablog: Kom die Kaap na!

11.6.10

Roadmovie Kapstadt Live

Eine Landstraße in Norddeutschland, von Linden gesäumt. Bienen summen. Auf einmal ein helles Motorengeräusch - aus der Hitzespiegelung in der Ferne löst sich ein schwarzer Mini. Und braust vorbei, die Außenspiegel in den südafrikanischen Farben geschmückt, zwei Poster in den Rückbankfenstern kündigen die literarische Neuerscheinung des Sommers an, hinten auf der Hutablage prangen die gekreuzten Vuvuzelas in den Farben Bafana Bafanas. Kaschl is on Lesetour!

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Natürlich schmerzt es, wenn Jürgen Klinsmann im Traumstadion Kapstadts das Frankreich : Uruguay Spiel ankommentiert – wie gerne wäre man da live dabei statt nur mittendrin gewesen! Die WM in Deutschland zu erleben, ist aber durchaus interessant, und Sehnsucht nach iKaapa kenne ich inzwischen gut genug, um mir davon nicht den Moment stehlen zulassen.

Bringing South Africa to Berlin:
Public Viewing des Eröffnungsspiels am Hauptbahnhof.

Deutschland zur WM 2010: Nächtens betrunken durch deutsche Innenstädte schlendern, am Morgen Frühstück mit guten Brötchen in Nebenstrassenbistros. Mit alten und neuen Freunden tief schürfende Gespräche führen, jeden Abend in einer andern Stadt, von der Münchner Surfdebatte zur Wiesbadener Lebemanndiskussion, vom griechisch-schwäbischen Orakelspruch zur Berliner Großstadtgörenattitude, Fußballphilosophie, Weltrettungspläne, Gemütlich-keit... Deutschland hat viel zu bieten, was Ansichten und Themen betrifft.

Und mit dem Tourmini durch diese unsere Lande brausen, auf Isomatte, Sofa oder Himmelbett pennen, in fremder Leute Kühlschränken auf Beutefang gehen – es ist schon ein bisschen Rock n Roll in einer Lesereise. Lesen, Erzählen und Berichten. Von Kapstadt, seiner Geschichte und Gegenwart, den Menschen und Plätzen, den Krisen und der großen Hoffnung. Was mir auffällt: das große Interesse der Deutschen an Südafrika – bei denen, die das Land bereits kennen, sieht man sogar gegen das Scheinwerferlicht ein ganz bestimmtes Glitzern in den Augen. Aber eine definierte Zielgruppe scheint es für mein Buch trotzdem nicht zu geben: Im Berliner Theaterdock hatte sich am Vorabend des WM Kickoff eine Auswahl höchst unterschiedlicher Gäste eingefunden, (unter anderem ein Berliner Reaggae/Dancehall Caballero, enDo Surf Prominenz und eine zum Islam bekehrte deutsche Mutter) die der schwülen Warmfront zum Trotze den Weg in einen Lesesaal dem auf die Grillwiese vorzogen. Sicherlich trug auch der gesponsorte Moselwein noch seinen Anteil dazu bei, daß wir noch lange nach Ende der eigentlichen Veranstaltung dort oben im zweiten Stock zusammen saßen, lachten, tranken, und diskutierten. Und so ein bisschen hatte man das Gefühl, Anteil an einer großen Sache zu haben, die man gar nicht genau greifen, aber vielleicht mit dem Arbeitstitel 'Mensch und Mensch' bezeichnen könnte.

Tue Gutes, rede darüber und hole dir Support
von einem echten Popstar.
Dellé hatte da mal ein paar Fragen...

Spät bezog ich mein Nachtlager auf einer Berliner Couch, voller Ungeduld auf den nächsten Tag, der endlich, endlich, das so lange ersehnte Eröffnungsspiel bringen sollte. Und eine kleine Regenerationspause, bevor ich den Mini belade und mal wieder quer durch Deutschland düse.

7.6.10

Der wichtigste Tip von Allen: Bloß keine Angst

In fünf Tagen ist Anpfiff - und die Welt uneins in der Bewertung des Gastgeberlandes. War es am Ende doch ein Fehler, die WM ausgerechnet an Südafrika zu vergeben? Deutsche Medien tun sich besonders in der Negativ-Berichterstattung hervor. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber - auch für WM-Reisende. Für Mzansi gilt: Wie man in die Vuvuzela hineinstößt, so kommt es dann auch zurück.

Ängste zu schüren, hat in Südafrika eine lange Tradition: Noch in den Neunzigern gingen Parteien auf Wählerfang mit der Beschwörung der 'swart gevaar', einem Memplex, den sich die Architekten der Apartheid fein ausgedacht hatten. Solange die Menschen sich nur genug um ihre eigene Sicherheit sorgten, waren sie leicht vor den Karren jeder Menschenrechtsverletzung zu spannen - und in ihrer Meinung manipulierbar. Karl-Ludwig Günsche, Spiegel-Berichterstatter in Kapstadt, hat sich wohl eindringlich mit diesem Prinzip vertraut gemacht, und zusätzlich zu der Effektivität der Angstpropaganda anscheinend vor allem zwei Grundprinzipien aus der Journalistenschule im Ohr behalten: Good News Is No News und Bad News Travel Fast. Was der Schreiber da immer wieder aus Südafrika und Kapstadt zu berichten weiß, lässt mir in seiner Borniertheit und Selbstgefälligkeit jedenfalls den Atem stocken. Land und die Leute, wie ich sie kennen und schätzen gelernt habe, sind in seinen Berichten zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Auch vermeintlich gut gemeinte Ansätze, wie dieses Video von Planetopia, produzieren doch vor allem eins: Unsicherheit bei den Südafrika Besuchern. Wer tatsächlich glaubt, seinen Rucksack wie ein Känguru vor sich her tragen zu müssen, oder für 150 Meter in der Stadt ein Taxi zu bestellen, macht sich nicht nur lächerlich, sondern wird vor lauter Übervorsichtigkeit garantiert nichts von all dem erleben, was Südafrika so erstaunlich macht.

Ich schlage im Sinne eines schöneren Events, einer besseren Welt und natürlich im Namen der Reinen Wahrheit statt dessen allen WM-Gästen und auch den Daheimgebliebenen vor, sich von derartiger Meinungsmache zu befreien, die europäische Brille abzulegen und dafür von der Begeisterungsfähigkeit der Südafrikaner anstecken zu lassen. Ein gutes Beispiel dafür findet man hier.

Wer schon mal erlebt hat, wie zwei schwarze Toilettenpfleger im Garden Center Kapstadt zu den aus ihrem Handy tönenden Klängen des Diski abgetanzt haben, kann sich wirklich nur fragen, wo Herr Günsche und seine Kollegen sich denn eigentlich immer rumtreiben, um ständig neue Negativschlagzeilen aufzuspüren.

Sicherlich ist Südafrika ein problematisches Land. Doch wie so oft entsteht auch hier die Realität im Kopf. Sicherheit ist kein Status, sondern ein Geisteszustand. Wer eine perfekt organisierte WM und eine satte, sichere Gesellschaft wie in Deutschland als Maßstab setzt, kann nur enttäuscht werden. Doch Südafrika ist anders, ist laut und bunt und chaotisch. Und gerade deshalb so liebenswert. Lassen wir uns den Blick auf die schönen Seiten des Events und dieses Landes nicht von Miesmachern verderben!

3.6.10

Tips für WM Reisende: The real taste of Mzansi

Während die deutschen Kicker bei der WM vom Münchner Gastronom Holger Stromberg bekocht werden, mutet die Fifa dem Fan im Stadion ausschließlich die kulinarischen Höhenflüge des McDonald's Konzern zu. Was bei den Kickern im Sinne der Löwschen Stratgie wenigstens etwas Sinn zu machen scheint, ist für die Besucher ein essenstechnischer Supergau. Ausgerechnet in einem Land mit langer und geschmackvoller Tradition an Haupt-, Neben-, und Nachspeisen, Snacks und Imbissstuben spuckt die Profitgier der Fifa den am Rande des Existenzminimums operierenden Kleinstgastronomen in die Butternut-Suppe.


Ähnlich wie 2006, als die Fifa beim Fußballfest in Deutschland ausgerechnet amerikanisches Bier ausschenken lassen wollte, ist die Empörung groß. Anders als damals aber lässt sich der Gigant diesmal wohl nicht im Sinne lokaler Vielfalt erweichen. Traditionelle Kleinverkäufer und Imbissbuden bleiben aus ihrem angestammten Plätzen in und um die Stadien verbannt. Damit WM Besuchern die Geschmacksknospen nicht gänzlich von Weizenpappbrötchen und Ketchup verkleistert werden, beleuchtet News from Nowhere exemplarisch einige kulinarische Highlights, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


Hier trifft man sich: Fish 'n Chips in Paternoster, West Coast.


Boerewors und Chakalaka, Fish and Chips: Südafrika bietet eine unglaubliche Vielfalt an schmackhaftem Fast Food – wobei man berücksichtigen muss, dass 'Fast' nicht immer wörtlich zu nehmen ist. Auf eine gut gegrillte Wurst muss man schon mal zehn Minuten warten, das lohnt sich dann aber: Boerewors ist eine oft zur Schnecke aufgerollte Grillwurst, die dem europäischen Gaumen zunächst etwas derb erscheinen mag. Wer sich aber einmal dran gewöhnt hat, wird für Thüringer, Nürnberger oder Frankfurter nur noch ein mildes Lächeln übrig haben. Tip: der Würstchenmann am Long Beach in Kommetijie. Der britische Klassiker Fish 'n Chips erfährt in der südafrikanischen Variante durch erstklassige Frischfischqualität eine Veredelung. Standardfisch ist Hake (Seehecht), Snoek (Hechtmakrele aus der Barrakuda Familie)hist auch lecker, hat aber viele Gräten. Zu empfehlen sind auch Calamari. Die Fritten der fettig-essigen Variante aber sind nicht Jedermanns Sache, auch wenn hier ähnliches gilt wie bei der boerewors.- wenn man sich mal dran gewöhnt hat... Mein Tip: Fish Hoek Fisheries in (erraten!) Fish Hoek.
Fastfoodketten bieten reichlich unterschiedliche Qualität, während ich OceanBasket und Steers für einen Snack unterwegs wirklich empfehlen kann, kommt mir bei Wimpy trotz witziger Werbung öfter mal das Würgen.


Ein Südafrikanischer Frühstücksklassiker: Eggs Benedict.


Die Mittelklasse: Südafrika ist reich an günstigen Restaurants, die der Vielfalt des Landes gerecht werden: Cape Malay, Afrikaans, Portugiesisch, Spanisch, Britisch, Indisch, Deutsch... der Mix ist großartig, und egal, ob die Küche eklektisch oder traditionell mit den Einflüssen umgeht, das Ergebnis ist meist umwerfend. Die Geschmacksrichtungen scharf und süß dominieren, und grundsätzlich gilt: eher Schwarte als Nouvelle Cuisine, eher Sahne statt Joghurt. Heiße Tips für Kapstadt: Don Pedros in Woodstock (ein legendärer Hang Out und tolle Pizza), A Touch of Madness in Observatory (für Kudu Steak und einmalig skurrile Atmosphäre) und das Polanas in Kalk Bay (für Calamari Steaks, Fisch und die Spareribs....und einen Sitzplatz in den Wellen).


Vorspeise im Food Barn: Scampitriade auf Auberginensouflée.


Herausragende Restaurants: Diese finden sich in großer Anzahl im ganzen Land. Mein Favorit für Sushi in Kapstadt ist das Kitima, das einen Mix asiatischer und europäischer Küche serviert. Empfehlungen kann ich auch für das Beluga, Marco's Place für afrikanischen Flavour und ganz besonders für den Food Barn aussprechen. Das Emily's, einst als eines der zehn besten Restaurants Afrikas gehandelt, hat seit seinem Umzug von Woodstock an die Waterfront, wenn nicht an gastronomische Qualität, dann doch auf jeden Fall an Atmosphäre verloren.
Wer sich in den Karroo verirren sollte, dem sei ganz besonders ein Besuch in der Transkarroo Country Lodge in Britstown empfohlen: Dort gibt es eine Lammhaxe, die butterweisch vom Knochen fällt, und das zarteste Springbokfilet, das man sich vorstellen kann.


Da geht einem doch das Herz auf:
Samstägliches Einkaufen in der Old Biscuit Mill in Woodstock.


Selbstversorgung:
Im Gastland der WM genießt das Grillen (man spricht vom Braai) fast religiöse Bedeutung – kein Campingplatz, keine Lodge, kein B+B, das nicht mit einer gut ausgebauten Grillstelle aufwartete. Wer den Umgang mit frischen Fisch und Grillfleisch liebt, findet in Südafrika ein wahres El Dorado. Selbst im Supermarkt sind die Preise für qualtitativ hochwertiges Grillgut äußerst moderat. Frisches Gemüse in herausragender Geschmacksintensität kann man für Bruchteile der europäischen Preise erstehen. Tipps für Kapstadt: Fish for Africa landet in Hout Bay den eigenen Fang an, hat außerdem ein Outlet in Woodstock. Rogers Fruiterers ist nur einer von vielen Obst- und Gemüsespezialisten mit guter Qualität bei kleinen Preisen. Für das authentische Braai braucht man große Mengen boerewors, Lammkoteletts, Steak und Fisch (am günstigsten und trotzdem lecker ist wiederum Hake). Peri Peri und Monkey-Gland Sauce statt Ketchup sind Pflicht. Eingefleischte grillen übrigens auch nicht mit Kohle, sondern mit Kameldooring (Kameldornbusch), welches ausgesprochen schnell eine gute Glut produziert (andere Braaimaster schwören auf Rooikrans Holz). Unter Spezialisten gilt ein Ehrenkodex, nachdem man zum Anzünden nur ein Streichholz braucht, und das Holz so schichtet, dass man niemals nachlegen oder schüren muss.


Bleibt zu hoffen, dass die Strombergsche Versorgung den Deutschen wirklich zum Titel verhilft. Wie man hört, soll es ja auch einmal einen 'Barbecue' Abend geben (welch Sakrileg!). Für den Fall eines frühzeitigen Ausscheidens sei den Kickern jedenfalls ein kurzer Ausflug in die lokale Gastronomie sehr ans Herz gelegt... für alle anderen Besucher sind mindestens drei Kilo Gewichtszunahme Pflicht.