Home: Die Werkstatt Südafrikablog: Kom die Kaap na!

13.3.10

Südafrika: Ein Land wie die Welt


"We are vagrants," sagt Elli, die Obdachlose, als ich das Foto mache.
"Take this picture and tell the world how we live."


Dem Südafrikareisenden stellt sich irgendwann die Frage, ob die Realität unserer Welt ertragbar sei. Was nämlich in Deutschland meist noch als theoretisch-philosophische Fingerübung durchgeht, ist hier tägliche Konfrontation: Kann ich mich an Natur, Konsum und Dolce Vita erfreuen, wenn an jeder Ecke Straßenkinder um Essen betteln, und hinter dem Hotelzaun der Slum beginnt? Wer sich als Tourist über südafrikanische Zustände entgeistert, ist letztlich aber nur Opfer der eigenen Naivität.


Die andere Seite: Das Restaurant Kitima in Hout Bay
besticht durch Eleganz, Prunk und Sushi der Extraklasse.


Ein schwarzer Mann steht an der Straße nach Kommetjie, um seinen Nacken hängt eine Reklametafel: Sale! Italian Clothing, New and Used. Es sind vierzig Grad im Schatten, die Sonne knallt auf den Asphalt, der Mann steht reglos, stundenlang. Die Autos zischen vorbei, der Luftzug bringt das Schild jedes Mal ins Schwanken. Tag für Tag steht er da, wir fahren auf dem Weg zum Surfen, zum Einkaufen, zum Restaurant an ihm vorbei. Jedes Mal wünsche ich mir den Mumm, ihn zu fragen, was er mit diesem 'Job' verdient - um ihm das Doppelte auf die Hand zu zahlen und nach Hause zu schicken. Doch natürlich tue ich nichts dergleichen, die Welt ist wie sie ist, und der Schildträger ist sicherlich froh über diese Arbeit, die uns unwürdig vorkommt.

Abends fahren wir Sushi essen, das Restaurant gehört zu denjenigen, die sich nur Weiße und wenige 'Black Pearls' leisten können, für uns Deutsche Urlauber mit harten Euro aber immer noch ein Schnäppchen ist. Draußen steht unser rostiger Käfer neben Rolls Royce und Porsche geparkt, und wir zahlen dem Autowächter für seine Dienste ein Hundertstel dessen, was wir nur für Getränke ausgeben werden. Seine Antwort ist ein Lächeln, das Schnee zum Schmelzen brächte - in einem von einer langen Narbe verunstalteten Gesicht.


Eine am Standard gemessen eher noch schlichte Unterkunft fuer Menschen mit Geld:

'Rondavel' in De Hoop Nature Reserve fuer 50 euro die Nacht..


An der Tankstelle putzt der schwarze Tankwart für zwanzig Cent die Fenster, an der Straßenbaustelle hat eine schwarze Frau nichts anderes zu tun, als stundenlang eine rote Fahne zu schwenken, in den glitzernden Hotels machen unterbezahlte 'Maids' die Betten, in den townships haben mehr als die Hälfte der Menschen keine Arbeit. In Südafrika prallen Erste und Dritte Welt unvermittelt aufeinander.

Doch im Prinzip, machen wir uns nichts vor, passiert hier nichts anderes, als Globalisierung en miniature: Unser deutsches Leben ist auch nur möglich, weil es sweat shops in Indien, Raubbau in Nigeria, und brain drain in Argentinien etc etc pp gibt. Aber in der Regel sehen wir die Armut nicht, können die Konsequenzen verdrängen, die unser Lebensstil mit sich bringt. In Kapstadt aber wird man jeden Tag aufs neue an seine Privilegien erinnert.


Nicht ganz so bequem: Schlafstaette tausender Kinder auf suedafrikanischen Strassen.


Ob man denn das Leben hier auf Dauer ertragen könne, lautet deshalb eine Standardfrage des Besuchers, dem nach zwei Wochen voller gegensätzlicher Eindrücke – so viel Schönes und Schreckliches auf einem Haufen! - der Kopf schwirrt. Meine Antwort lautet: Hier ist es wenigstens ehrlicher. So wie vielleicht nur der Fleisch essen sollte, der schon mal ein Tier geschlachtet hat, sollte wohl nur der Diamanten am Finger tragen, der dem unterernährten Tagelöhner, der sich Rücken und Hände im Berg zerschunden hat, in die Augen schauen kann.

2.3.10

Die Heim Affaire: Ein paar Momente verschwendeter Lebenszeit

Man kann viel lesen über das von unserem europäischen sehr zu unterscheidendem afrikanischem Zeitgefühl. Oft handelt es sich dabei um andächtige Verbeugungsliteratur vor der Gelassenheit, mit der man sich hierzulande den Arsch platt sitzt. Den Leser soll Beschämung über die hektische, stressige, schlichtweg ungesund effiziente westliche Welt beschleichen, auf dass er in Zukunft von der Weisheit und Gelassenheit unserer schwarzen Brüdern und Schwestern profitiere. Auch ich selber bekenne mich schuldig, bisweilen das Hohelied der Gelassenheit zu zwitschern. Ein Besuch auf der Home Affairs Behörde in Kapstadt treibt einem solch post/neo/retrokoloniale Verklärtheit allerdings schnell aus. Wer auf einen Stempel der Behörde angewiesen ist, tut gut daran, viel Zeit mitzubringen – und sich ja nicht aufzuregen.

Es ist Montag. Das wissen auch die Damen hinter dem Schalter, und entsprechend mißmutig kauen sie auf ihrem Kaugummi herum, während sie den Monitor an- und ausschalten. Zwei Stempel werden auf der Suche nach dem optimalen Standort hin- und hergeschoben, und dann gibt es noch einen großen Stapel Papiere, die man sortieren, durcheinanderbringen, und wieder sortieren kann. Einen der Stempel brauche ich in meinem Pass, mein Visum läuft in zwei Wochen aus. Und die Uhr tickt. Seit drei Stunden stehe ich in der Schlange, die sich durch die per Aircondition auf 31° geheizte Amtsstube schiebt. Mein größter Triumph an diesem Tag: Ich ergattere einen Sitzplatz, was bedeutet, dass ich nur noch zwanzig Kunden vor mir habe. Als ich bis in die erste Reihe vorgerückt bin, ist der Spaß zu Ende: es ist viertel nach drei, der Schalter schließt. Unverrichteter Dinge muss ich abziehen, und morgen mein Glück wieder versuchen.

Das Gesetz des Murphy hat, ganz im Sinne seiner zugrunde liegenden Logik, die unangenehme Eigenschaft, mich immer dann heimzusuchen, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann. Mein Kampf mit der Visumsverlängerung ist ein hervorragendes Beispiel. Während meine Freundin überhaupt keine Probleme damit hatte, und die ganze Prozedur innerhalb zweier Stunden hinter sich gebracht hatte, kommt bei mir eins zum anderen.

Das Problem: Auf dem Weg nach Madagaskar habe ich drei Tage in Pretoria verbracht – und bei der erneuten Einreise nach Südafrika wurde kein neues Touristenvisum ausgestellt. Doch man kann ja einfach in ein Nachbarland reisen, und bei Rückkehr ein neues Visum erwerben. Man konnte. Ein kürzlich erlassenes Gesetz zur Beschränkung der Zuwanderung macht diese hervorragende Möglichkeit für Individual- und Langzeitreisende zunichte. Es führt kein Weg daran vorbei – ich muss zu Home Affairs.

Dort stellt sich, als ich endlich mal an einen Schalter komme, heraus, dass ich meinen Rückflug nach vorne verschieben lassen muss – ich wäre sonst drei Tage lang illegal in der Kaprepublik. Vergeblich bemühe ich mich, das Problem zu erklären: Wäre der Einreisestempel aus Johannesburg nicht auf dem alten Visum, sondern daneben gelandet, hätte ich einen Monat länger im Land bleiben können – total legal. Die Schalterfrau kaut Kaugummi, guckt mich an, schüttelt den Kopf. Ich setze alles auf eine Karte, und verlange den Vorgesetzten zu sprechen. Ein Blick in ihre Augen verrät, dass ich einen Fehler gemacht habe. Sie verschwindet in einem Hinterzimmer. Fünf Minuten später sprintet ein Mittvierziger in Uniform und wutverzerrtem Gesicht auf mich zu, drückt mir Pass und Antrag in die Hand, und schreit mich an:

„There is nothing to discuss! Change your flight! I am finished with you, brother! “

Ich bin verdattert. Und zornig. Gerade noch kann ich mir ein „Is this how you are ready for 2010?“ verkneifen (das ist der Slogan, mit dem die Nation auf den bevorstehenden sportlichen Großevent eingeschworen und um Gastfreundlichkeit geworben wird) und schleiche mich, am ganzen Körper bebend.

„You! Be careful, brother, be very careful“ wird mir noch hinterhergerufen. Willkürliche Bestrafung bis hin zu Gefängnisaufenthalt sind aus Südafrika für geringere Obstinenz kolportiert – so wurde kürzlich eine UN-Beauftragte eingesperrt, weil sie angeblich ein Zusatzdokument zum Internationalen Führerschein nicht vorweisen konnte – sie verbrachte eine unbequeme Nacht im Gefängnis von Johannesburg, bis geklärt wurde, dass es das ominöse Dokument nur in der Fantasie des Polizeibeamten gab.

Ich setze also lieber auf Rückzug und versuche, das Spiel nach den geltenden Regeln mitzuspielen. Kafka hätte seine Freude gehabt. Bis ich den Flug telefonisch umgebucht habe, vergeht eine Woche, deren Beschreibung alleine mehrere Blogposts in Anspruch nehmen würde – ich habe kein Handynetz, dann habe ich Netz, aber komme nicht durch, ich komme durch, aber mein Handy versagt nach vierzig Minuten in der Warteschlange den Dienst, ich komme durch, aber die Verbindung wird aus unbekannten Gründen unterbrochen, ich komme durch, aber die Kreditkartennummer habe ich zu Hause vergessen (dort habe ich kein Netz), ich komme durch, alles klappt, mein Flug wird umgebucht, aber die Bestätigungsmail kommt nicht an... beim nächsten Anruf geht die ganze Prozedur von vorne los, der Prozess wurde beim letzten Mal nicht gespeichert... und so weiter.

Irgendwann habe ich dann aber alles zusammen und bin zurück bei Home Affairs. Es ist kurz nach sieben Morgens. Meine Leidensgenossen, schwarz, weiß, karamell, wir warten gemeinsam, verbunden im Haß auf die Behörde. Wir lesen, schreiben oder spielen auf dem Handy, bleiern mischen sich Hitze und Schweißgeruch. Essen ist verboten, aber ich bin vorbereitet – Kaffee in der Thermoskanne, ein Brötchen, dass ich auf dem Klo essen kann, Traubenzucker, Wasserflasche. Ein weiterer Tag auf Home Affairs bricht an. Heute werde ich es schaffen.

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