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14.4.12

PreisWerte Literatur: Die Kurzgeschichte ‚Ich auch’ ist eine von 14 Nominierten des Würth-Literaturpreises 2012


Berlin, kurz nach dem  Mauerbau. Eine junge Frau wird bei der Rückreise nach West-Berlin aus ihr unbegreiflichen Gründen zum Verhör bestellt. Der Grenzer, dem sie sich gegenüber findet, scheint von einer merkwürdigen Motivation getrieben und stellt seltsame Fragen über ihre Vergangenheit. Was ist es denn, was er von ihr will? 

Die Firma Würth aus Schwäbisch Hall produziert bekanntermaßen nicht nur Schrauben, sondern fördert mit der Würth-Stiftung die Wissenschaften und die Kunst. Ganz nach dem aus dem Geschäftsleben stammenden Motto von der belebenden  Konkurrenz wird seit 1996 in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen auch ein literarischer Wettstreit ausgerufen. Gesucht werden dabei Beiträge, die ‚überzeugend eigene sprachliche Wege gehen’.

Besonderer Clou der Ausschreibung: Das Thema stellt jeweils ein Schriftsteller von Rang und Namen, der zuvor ein Semester lang an der Uni Tübingen eine die Poetik Dozentur innehatte. So fanden sich neben Günter Grass in jüngerer Zeit zum Beispiel Juli Zeh, Herta Müller, Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann in der Rolle des Literaturlehrers wieder. Für den Wettbewerb 2012 stellte Brigitte Kronauer die folgende Aufgabe: ‚Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, in der ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt.’

Diesen Satz verstand ich zwar erst nach mehrmaligem Lesen, doch das Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro war zur Teilnahme ausreichend inspirierend. Je mehr ich allerdings über das Thema nachdachte, umso drängender kam mir eine kleine Episode in den Sinn, die ich eigentlich schon längst einmal erzählt haben wollte. Bislang war ich allerdings nicht über Skizzen hinaus gekommen, und die Frage nach der richtigen Form und Perspektive ließen mich stets unzufrieden die Arbeit daran aufgeben. Das Thema des Wettbewerbs allerdings konnte als ein neuer Ausgangspunkt für die Erzählung jener Begebenheit dienen - und auf einmal fielen die Worte wie von selbst aufs virtuelle Papier.

Zwei Menschen treffen in einem Verhör aufeinander. Ihr Lebensweg könnte unterschiedlicher nicht sein, so wie die beiden deutschen Staaten, in denen sie aufwuchsen, und durch deren Opposition ihr Verhältnis bestimmt ist. Doch geboren wurden sie zur selben Zeit, am selben Ort. Für einen Moment erkennen sie, dass ihre Schicksale, ihre Entwicklung, ihre Sehnsüchte jeweils die des anderen sein könnten. Das Verhör wird zur Begegnung.

Dieser Moment des gegenseitigen Erkennens ist äußerst flüchtig. Das Aufziehen des Vorhangs, der aufglimmende Funken hinter dem Pupillenschleier erfordert eine klare Zuspitzung der Handlung auf diesen Punkt, um als Geschichte zu funktionieren. Andererseits verlangte die Situation nach einer klaustrophobischen, gehetzten Sprache – nicht gerade der Stil, dem ich mich bisher bediente. Doch je mehr die Wortspäne flogen, umso klarer trat die erstrebte Wirkung ein: Im entscheidenden Moment überträgt sich die Sympathie des Lesers von der Protagonistin auf ihren vermeintlichen Gegenspieler. Und der Fokus auf  ihre unmittelbare Sehnsucht nach Freiheit verschiebt sich gleichzeitig auf seine, ihm vielleicht noch nicht einmal bewussten, aber umso verständlichere Sehnsucht nach eben dieser.

Unter 1024 Einsendungen wurde als einer von 14 Beiträgen meine Kurzgeschichte ‚Ich auch’ für den Würth-Preis nominiert, und erscheint in der Anthologie zum Wettbewerb im Swiridoff Verlag. Den Preis gewonnen hat schließlich der Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller aus Berlin mit der Geschichte ‚Liebe auf Israelisch’. Ich beglückwünsche den Autor - und bin  gespannt darauf, welche namenlosen Sehnsüchte seine Protagonisten durchleiden mussten, und wie sie dargestellt sind.

Du willst ‚Ich auch’ lesen? Schreib mir eine Mail …

11.4.12

Reif für die Insel: Roadmovie Kapstadt auf der Kulturfinca Son Bauló, Mallorca

Mitten im Herzen der mediterranen Ferieninsel liegt ein kleines Städtchen namens Vistallegre. An dessen Rand hat ein gewisser Dr. Will Kauffmann sich einen Traum verwirklicht: Die Kulturfinca Son Bauló  als deutschsprachigen Kultur und Veranstaltungsraum. Wer hierher kommt, hat mit Ballermann nichts am Hut. Und findet eine Oase der Ruhe, wo Kreative sich nach Herzenslust austoben dürfen. 'Roadmovie Kapstadt' machte dort am 01. April Station, mit dabei war zum ersten Mal der Pianist Florian Domnick.

Es klingt zu schön, und ist doch wahr: Es gibt einen Veranstaltungsort auf einem alten mallorquinischen Landgut, inmitten grünsatter Felder. Sandelholzduft in der Luft. Wasser plätschert, eine Katze schnürt lautlos durch den blühenden Klee. Kaffee und Kuchen werden im Schatten der Veranda serviert, die hauseigenen Ponies äugen herüber. Dann schlägt man den dunklen Vorhang beiseite und betritt den kühlen  Bühnenraum, mit Plüschsesseln, alten Scheinwerfern, Flügel. Ein rostiges Mottorad hängt von der Decke. 


Keine Wasserglas-Lesung: Mit Spitzenwein von der Mosel und im Licht antiker
Scheinwerfer liest es sich mit leichter Zunge.

In noch keiner Leselocation fühlte ich mich gleich so wohl wie hier - und meinem diesmaligen Begleiter Florian Domnick ging es wohl ähnlich. Inspiriert von der tollen Atmosphäre und dem ein oder anderen Glas Wein feilten wir bis spät nach Mitternacht an unserem Programm. Mit Florian ist es übrigens ein ganz anderes Arbeiten als mit Adrian - wo jener bei der musikalischen Umsetzung impulsiv aus seiner eigene Südafrika Erfahrung schöpft, ist Florian ein guter Analyst des Textes. Aus der entstehenden neuen Auseinandersetzung entstehen dann für mich selbst neue Impulse zum Lesen. Insgesamt  produzierten wir, obschon ich dieselben Textstellen wie bei der Lesung in Tamm ausgewählt hatte, einen ganz anderen Sound, und damit eine andere Atmosphäre. Witzig, wie sich dadurch Spannung und dramatischer Bogen verschieben ließen - ich bin gespannt, welche weiteren Früchte diese Zusammenarbeit noch hervorbringen wird.

Immer mehr rückt dadurch auch der Wunsch, aus 'Roadmovie Kapstadt' ein Hörbuch zu produzieren in den Vordergrund - oder ein E-Buch mit eigenem Soundtrack. Das Konzept, Texte mit Bild und Musik zu einer neuen Art der Literaturerfahrung zu verdichten, funktioniert einfach. So waren auch die Reaktionen aus dem Publikum wieder einmal sehr ermutigend - Lesungen eignen sich hervorragend, um interessante Leute kennen zu lernen, und natürlich hat die Inselcommunity auf Mallorca ein paar Charaktere zu bieten.

Wer sich übrigens ein eigenes Bild von einer musikalischen Lesung machen möchte: 'Roadmovie Kapstadt meets Piano' gibt es noch öfter live zu erleben, das nächste Mal am 26. 04. in Stuttgart.
 
 ... C U on the road...

28.1.12

Musikalische Lesung in Tamm: Roadmovie meets Piano

Ein besonderes Programm an besonderem Ort: In der Kelter Tamm fanden sich am 26.01. 2012 über fünfzig interessierte Zuhörer und genossen eine musikalische Lesung zu Roadmovie Kapstadt. Am Piano brillierte zwanglos wie immer Adrian F. Meyer. Das Publikum reagierte erfreut bis begeistert auf die dargebotene Mischung aus Text, Bild und Musik. Auch der gesponsorte Wein von Moselwein e.V. mag seinen Teil daran gehabt haben - auch wenn zum ersten Mal in meiner Lesekarriere nicht genug für alle da war. Traurig für die leer Ausgegangenen, aber für mich als 'Performing Act' ein positives Zeichen.

Blick ins Plenum: Gut gefüllte Kelter Tamm.

Zugegeben, das Örtchen Tamm westlich von Ludwigsburg ist nicht der Nabel der Welt. Doch das schmucke Städtchen bot mit seiner Kelter eine wunderschöne Location für die jüngste Ausgabe einer 'musikalischen Lesung' - und überraschte mich mit großer Resonanz. Hatte die Veranstalterin im Vorfeld noch mit ca 30 Personen gerechnet, musste kurz vor Veranstaltungsbeginn der Hausmeister aktiv werden und über zwanzig zusätzliche Stühle aus dem Lager holen. Im Resultat war die mir zunächst noch sehr leer vorgekommene Kelter überhaupt nicht mehr zu groß, sondern zum genau richtigen Maß gefüllt, um noch Kontakt zum einzelnen Zuhörer aufbauen zu können, und andererseits die Synergieeffekte einer Gruppe fühlbar werden zu lassen (damit meine ich zum Beispiel diese Momente, wenn es vor Spannung mucksmäuschenstill wird oder sich ebendiese in einem gemeinsamen Seufzen oder Lachen löst).

Die Kelter in Tamm von außen. Schöne Leselocation!

Auch für mich als lesenden Autor gab es Gänsehautmomente, wenn Adrian F. Meyer feinfühlig und mit hervorragendem timing die Töne leise fallen ließ - oder dramatisch Gas gab. Was hatte mir Rainer Bocka vor einem Jahr nach der Lesung im Cafe Galao als gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg gegeben? Lass den Text wirken! Nun, diesem Ratschlag konnte ich nun vollkommen folgen, und mehr noch, mich darauf verlassen, dass Adrian auf 88 Tasten die Richtigen finden würde, um die Stimmungen der dargebotenen Textpassagen und den projizierten Bildern einzufangen und weiter zu spinnen. 

Kaschl spricht. Meyer spielt. Publikum gefällt's.

Auch bei der zweiten Aufführung ging das Experiment der musikalischen Lesung also mehr als gut auf. Und wenn Adrian im anschließenden Publikumsgespräch bescheiden angab, sein Spiel sei lediglich 'der Glitter auf dem Text' ist es natürlich weit mehr als das. Die Kombination katalyisert ein viel tieferes Eintauchen in die Geschichte als das gesprochene Wort allein, gibt Impulse und Emotionen vor, aber erlaubt eben doch noch das individuelle Ausfüllen der Bilder, Gedanken, Geschichten im eigenen Kopf. 

Nicht zuletzt ist das Komzept natürlich viel weniger pädagogisiernd als mein bisheriger Vortragsmodus, und somit auch für mich viel leichter zu genießen - und wahrscheinlich nicht nur für mich, sondern auch für das Publikum unterhaltsamer. In diesem Sinne äußerte sich auch die Leitern der Bücherei Tamm Stefanie Uhl sowie verschiedene ZuhörerInnen. "Es war ein überzeugend, runde Sache."

Danke, Tamm!
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