Home: Die Werkstatt Südafrikablog: Kom die Kaap na!

19.2.10

Do's and Don'ts: Wie gefaehrlich ist Kapstadt (II)

Mehr Geld als an Gangster verliert man an Touristenfallen.
Vorsicht vor Restaurants, die einem das Gesicht anpinseln.



Unfälle, Überfälle und Gewaltdelikte gehören unzweifelhaft zum südafrikanischen Alltag. Das Leben am Kap der guten Hoffnung ist wilder, rechtloser, gefährlicher als in Castrop-Rauxel. Viele tatsächliche Gefahren werden von Unwissenden allerdings nicht erkannt oder falsch eingeschätzt; andere Gefahrenpotentiale werden, sogar von Ortskundigen, stark übertrieben, und bis zur Paranoia aufgebauscht. News from Nowhere entlarvt einige Mythen und nennt unterschätzte Gefahren.


Man soll:

 Sich treiben lassen: Kapstadt und ganz Südafrika laden dazu ein, auf eigene Entdeckungsreise zu gehen. Oft stehen die schönsten Bed & Breakfast eben nicht im Lonely Planet, sondern werden per Zufall gefunden. Das Angebot ist so breit, dass man auch in der Hochsaison nicht reservieren muss, es sei denn, man ist an einem touristischen Hotspot gelandet. Und selbst dann ist oft noch der Campingplatz frei. Wer seine Reise exakt vorgeplant hat, wird sich irgendwo irgendwann sehr aufregen, weil nichts klappt – oder darüber ärgern, an diesem oder jenem Ort nicht mehr Zeit eingeplant zu haben. Wer mit offenen Augen und gesundem Menschenverstand unterwegs ist, muss sich unterwegs nicht fürchten.

Snoek - Frisch vom Kutter am besten.
Der Stassenrand haelt einige kulinarische Ueberraschugnen bereit.


 Ein Auto mieten. In Südafrika unkompliziert, billig, und oft die einzige Art und Weise, dorthin zu kommen, wo man hin will. An den Linksverkehr gewöhnt man sich schnell, der Stadtverkehr ist einigermaßen zivilisiert. Auf dem Land ist man oft kilometerlang alleine auf schnurgerader Piste unterwegs – road movie pur. Auf Staubstraßen lässt man ein bisschen Luft aus den Reifen (nachher wieder aufpumpen!) und fährt dann in etwa wie auf Schneedecke. Optimale Geschwindigkeit sind 60 km/h, dann spürt das Auto - und man selber - die Vibrationen am wenigsten.

Alte Autos - sehen gut aus, und fahren besser als man denkt.
In Kapstadt billig zu haben.


 In Restaurants essen gehen: Die südafrikanische Küche ist vielfältig, lecker, und billig. Egal ob Frühstück, Kaffee, Sushi oder Festmahl – selten bekommt der Reisende solche Qualität und Quantität für so wenig Geld. Kettenrestaurants sollte man meiden – hier gilt diese Regel nicht unbedingt.Da freut sich der Hobbykoch.
Frischer Cape Salmon fuer weniger als ein Buttterbrot.

 Trinkgeld geben. 10% in Restaurants, für Autobewacher sind je nach Parkdauer 2 bis 5 Rand angebracht. Ein unbewachtes Auto, gar mit Surfbrettern auf dem Dach, ist schnell Ziel krimineller Energie. Auch an Tankstellen sind 2 Rand für den Tankwart angemessen, wenn er ungefragt noch Fenster putzt und Öl und Wasser checkt, auch mal mehr.

 Mal einen Anhalter mitnehmen: Obwohl Minitaxis sehr viele Townships mit der Innenstadt verbinden, kommen viele Angestellte einfach anders nicht zur Arbeit. Die Schauermärchen über Vergewaltigung etc. muss man nicht immer glauben. Für Frauen mit Kindern an übersichtlichen Anhalterstellen anzuhalten dürfte selbst für Ängstliche möglich sein – es wird aber davor gewarnt, dass diese manchmal als Köder benutzt werden. Also Vorsicht, und im Gebüsch nach Gangstern checken. Selber zu trampen kann man nur in sehr übersichtlichen Gebieten empfehlen - obwohl ich keine eigenen Erfahrungen auf dem Gebiet habe, trifft man immer wieder Verwegene, die von problemlosen Reisen berichten.

 Schwimmen, Surfen, Tauchen gehen: Die Ozeane um Kapstadt sind ein echtes Highlight, wenn auch kalt. Wer Interesse am Surfen hat, geht nach Muizenberg, und nimmt dort eine Stunde. Der Spaß ist billig und kann sich zu einer lebenslangen Passion entwickeln. Taucher dürften in den Kelpwäldern eine hochinteressante Abwechslung zu den tropischen Korallenriffen sonstiger Tauchdestinationen entdecken. Die Chancen, kleine und große Haie, Riesenrochen oder Seehunde zu sehen, sind extrem gut. Angriffe von Haien auf Taucher und Surfer sind statistisch gesehen weniger wahrscheinlich als dreimal hintereinander vom Blitz erschlagen zu werden.

Eine Unterkunft mit speziellem Charakter:
Das
Beach Camp in Paternoster.


 Auf den Berg steigen: Mit der Kabinenbahn auf den Tafelberg zu fahren ist langweilig. Wenigsten den Weg hoch sollte sich jeder zumuten, Natur und Aussicht sind einfach einmalig. Allerdings sollte man niemals alleine gehen, oder wenigstens einen Hund dabei haben, sowie jemandem Bescheid geben, welchen Weg man wählt, und wann man wieder zurück sein sollte. Gute Schuhe, Sonnencreme, ein Pulli und genügend Wasser sind unabdingbar.

 In ein township gehen: Bitte nicht mit einem organisierten Bustour, und dann wie im Zoo kleine schwarze Kinder knipsen, sondern mit einem Freund hinein laufen und eine Kneipe (sogenante shebeen) suchen.Viele Townships sind inzwischen sehr aufgeräumt und sicher, vor allem wenn man sich selbstbewusst und freundlich gibt. Zu üble Gegenden sollten aber unbedingt gemieden werden, z.B. Lavender Hill, Mannenberg, Mitchells Plain. Nicht nachts unterwegs sein.

Ocean Heights - township der anderen Art.
Auch so kann es in einem 'slum' aussehen.


 Das Nachtleben auf der Long Street, Seapoint und Observatory geniessen - aber im Club seinen Drink nicht unbeaufsichtigt stehen lassen (K.O. Tropfen). Distanz zwischen Auto und Club minimal halten.

 Kondome bereit halten. Wer in Südafrika ungeschützen Geschlechtsverkehr hat, ist entweder lebensmüde oder bereits HIV infiziert.


Man soll auf keinen Fall:

 In Sandalen alleine und ohne Wasser den Tafelberg erklimmen. Jedes Jahr ergötzen sich die Tageszeitungen an den oft tödlichen Unfällen dummer Touristen, die den Berg und seien Gefahren unterschätzen. This is Africa, bru! Überfälle auf dem Berg sind zurück gegangen, kommen aber vor. Wer einen Hund dabei hat, eliminiert diese Gefahr. Vorsicht vor Schlangen. Anders als andere Gifttiere verkriecht sich die auf dem Berg häufige Kap-Puffotter nicht, wenn sie Geräusche hört. Ein unbehandelter Biss kann tödlich sein.

 Handies, Portemononnaie, Sonnenbrille in Auto oder am Strand liegen lassen, auch wenn es noch so sicher wirkt. Ein Klassiker: Camps Bay ist beliebtester Strand für Kreinkriminelle die arglose Touristen 'strippen' - selbst erfahrenen Afrikareisenden, die alle Abenteuer des Kontinents unbeschadet überstanden, wurden hier schon ihre Motorräder mitsamt der ganzen Reiseausrüstung geklaut.

 Betrunken oder bekifft nachts Auto fahren. Obwohl dies ein beliebter Sport der ansässigen Bevölkerung ist, muss man dringendst davon abzuraten. Fußgänger und wilde Tiere machen das Autofahren nachts auch so schon gefährlich genug. Es ist wirklich wahr – schwarze Passanten sieht man bei Dunkelheit sehr schlecht und spät. In ländlichen Gegenden muss man damit rechnen, plötzlich Antilopen auf der Fahrbahn zu treffen – Oryx oder Eland wiegen etwa soviel wie ein Pferd, und selbst ein SUV wird bei einem Zusammenprall schwer beschädigt. In Südafrika gilt eine 0,5 Promille Grenze.

Käfigtauchen gehen: Obwohl sehr verbreitet und bei Touristen beliebt, kann ich mich nur gegen die Praxis des Käfigtauchens aussprechen – Weiße Haie werden zur Befriedigung des Kitzel in Küstennähe mit Ködern angelockt, und lernen, Menschen mit Futter in Verbindung zu bringen. Angriffe auf Schwimmer und Surfer werden damit wahrscheinlicher. Wer weiße Haie sehen will, kann ohne Käfig tauchen gehen und auf sein Glück vertrauen – der Hai ist scheu und selten, es gibt keinen verbrieften Angriff auf Taucher.

 Sich mit Behörden anlegen: Wer Stress mit südafrikanischen Beamten hat, ist zu bedauern. Besser als sich typisch deutsch aufzuregen ist, jede Schikane hinzunehmen, und Anforderungen so gut es geht zu erfüllen. Letztlich spart man sich dadurch Zeit – und Ärger. Einem Top 44 Surfer wurde kürzlich die Einreise verwehrt, weil sein Pass deutliche Abnutzungsspuren trug. Der Surfer beschwerte sich, und landete prompt für eine Nacht im Gefängnis, um am nächsten Morgen in Handschellen ein Flugzeug nach Hause zu besteigen. Deshalb: ruhig bleiben, lächeln, dumm stellen – und geduldig sein, wenn's mal länger dauert.

Das Gesicht Suedafrikas:
Ein strahlendes Laecheln.

 Sich in die Touristenfallen in Big Bay setzen, sich pseudoafrikanische Verzierungen in die Fratze malen lassen, und dabei supercool fühlen. Das ist nur peinlich, sonst nichts.

 Sich von Horrorstories die Sicht auf Südafrika und seine vielfältige, hilfsbereite, kommunikationsfreudige Bevölkerung verstellen zu lassen. Im Falle eines Falles sollte man sich ohne Widerstand von weltlichen Gütern trennen können – immer noch ist ein Menschenleben sehr billig, wenn man am Existenzminimum lebt. Handy, Geld, selbst der Pass sind es nicht wert, sich in einem Handgemenge ein Loch in der Haut zu holen. Wer Opfer einer Vergewaltigung wird, tut aber gut daran sich so vehement zur Wehr zu setzen, wie es nur möglich ist – die traurige Wahrheit ist, dass viele Vergewaltigungen in Südafrika im Mord enden.


Die kleinen Dinge werden oft uebersehen.
Diese Wunder der Natur sind nicht groesser als ein Geldstueck
- und jeder Seestern hat sein individuelles Muster. (click to enlarge)

15.2.10

Zwischen Paranoia und Verdrängung: Wie gefährlich ist Kapstadt? (I)

Großartige Natur, bunter Multikulti, luxuriöse Weingüter, einsame Traumstrände – mit diesem Bild werben die Reiseprospekte für das Land am Kap der guten Hoffnung. Bittere Armut, Rassismus, ausufernde Kriminalität, und fürchterliche Gewalt – das ist die Kehrseite der Medaille, wie kritische Medien berichten. Kann man als deutscher Tourist eigentlich guten Gewissens nach Südafrika reisen?


video


Sieht gefaerlich aus, ist aber harmlos, die Eierschlange.

Ein Sinnbild fuer Suedafrika?


Der ungebetene Besucher kam gegen neun Uhr morgens, deaktivierte den Alarm, und drang durch die offen stehende Hintertür ein. Er griff sich das große Messer, das in der Küche auf dem Brett lag, ging ins Wohnzimmer, und überraschte den dort in seinem Lieblingssessel dösenden alten Mann. Nachdem er ihn in der eigenen Toilette eingeschlossen hatte, durchkämmte er das Haus nach Wertvollem. Viel konnte er nicht mitnehmen, denn vor zwei Wochen war schon einmal 'Besuch' da gewesen. Ein bisschen Bargeld, ein paar DVDs und CDs, den neuen iPod, den der alte Mann eben von seiner Tochter geschenkt bekommen hatte, jetzt, da die Stereoanlage weg war. Nach etwa zehn Minuten verschwand der Besuch, und der alte Mann schrie sich drei Tage die Kehle heiser, bis die Nachbarn ihn hörten und befreien konnten.

Am selben Tag wurde die Tochter des alten Mannes an einer roten Ampel von zwei Gangstern aus ihrem Auto gezerrt, als sie von Kapstadt nach Stellenbosch unterwegs war. Sie hatte Glück - sie kam davon, ohne vergewaltigt oder ermordet zu werden. Ihr Mann, der gerade auf dem Golfplatz weilte, leider nicht. Im Kampf um seine Brieftasche versetzte ihm ein Angreifer einen tiefen Stich mit einem abgebrochenen Flaschenhals, und das Opfer verblutete bei Loch 13.


Gangster oder netter Typ? Auf jeden Fall sehr fotogen...


Ein Schauermärchen? In Kapstadt hört man viele solcher Geschichten, und manchmal sind sie sogar wahr. Einige meiner Bekannten sind Opfer von Diebstahl und Raub geworden, mir selber wurde einmal das Auto unter der Nase weg gestohlen (woran ich allerdings ein bisschen selber schuld war). Andere Kapstädter leben seit Jahren unbehelligt, und auch wir fühlen uns derzeit keinesfalls gefährdet: In unserem Häuschen, keine 100 Meter vom nächsten illegalen township entfernt, gibt es keine Alarmanlage, keinen Stacheldraht, und keine Gitter vor den Fenstern – eigentlich unerhört in einem Land, in dem Sicherheitstechnik und Security einem Großteil der Bevölkerung Lohn und Arbeit einbringt. Manchmal vergessen wir sogar, nachts die Haustüre zuzumachen – und wachen trotzdem am nächsten Morgen lachend und unversehrt auf. Wie kann man so unbesorgt sein, wo das Unglück doch angeblich schon drohend an der nächsten Ecke lauert?

Statistiken und Wahrscheinlichkeiten helfen nicht weiter, das Rätsel unserer Unbeschwertheit zu lösen. Vielmehr muss wohl eine allgemeine Unfähigkeit des Menschen zu Grunde liegen, Gefahrenpotentiale richtig einzuschätzen – bzw. der Glaube, angemessene Risiken bewusst in Kauf nehmen zu können. Lustigerweise erklärt dieser hobbypsychologische Ansatz sowohl unsere Verdrängungstaktik, als auch die Paranoia, die in Kapstadt allgegenwärtig zu sein scheint.


Hier sollte man aufpassen:

Die staatlichen Sozialbauten werden oft von Gangs beherrscht.


Als Beispiel: Selbst wenn hinlänglich bekannt ist, dass eine Haiattacke weniger wahrscheinlich ist, als an einem defekten Toaster zu sterben, provoziert ein in der False Bay gefressener Tourist ganze Seiten von alarmistischen facebook und twitter Inhalten – und verdirbt so manchem den Badespaß. Selbst wenn täglich tausende von Anhaltern mitgenommen werden, ohne dass etwas passiert, weiß ganz Kapstadt, wenn wieder einmal jemand dumm genug war, das Schicksal herauszufordern, und sieht sich in den gebetsmühlenartig wiederholten Warnungen vor Trampern bestätigt (wobei die Frage unbeantwortet bleibt, wie die ganzen Maids, Gärtner und Kindermädchen eigentlich zu ihren Arbeitgebern kommen sollen, wenn nicht per Anhalter – der öffentliche Nahverkehr jedenfalls kann das nicht leisten). Die Angst wächst mit jeder Schlagzeile, das Ausschmücken der schrecklichen Realitäten wird zum Selbstläufer, und die weiße Community sieht sich in ihren Warnungen vor dem oft beschworenen blutigen Untergang des Landes bestätigt. Andererseits würde niemand auf sein Auto verzichten wollen – dabei fordern Verkehrsunfälle in Südafrika viel mehr Todesopfer als Gewalt und Kriminalität.


Freuen sich, wenn man sie ein Stueck im Auto mitnimmt:

Xhosa Frauen arbeiten in der Stadt und wohnen weit draussen in den townships.


Die südafrikanische Mentalität ist für das Drama wohl auch besonders zugänglich – die Angst, vom schwarzen Mann ins Meer gedrängt zu werden, auf die sich die Apartheidspropaganda von früher im Wesentlichen stütze, scheint sich auch heute noch in einem Hang zur Übertreibung von Gefahrenpotentialen niederzuschlagen. Als ich unseren südafrikanischen Freunden einen Videoclip zeigte, den ich in unserem Garten gedreht hatte, waren sich alle sofort sicher: Das angriffslustige Reptil darin war eindeutig eine Puffotter, höchst aggressiv, und tödlich giftig. Das Bestimmungsbuch allerdings identifizierte die Schlange als einen völlig harmlosen Eggeater, eine ungiftige Natter, die sich durch Drohgebärden und Aufspreizen des Kiefers nur den Anschein gibt, giftig zu sein. Was die Gefahr, doch mal von einer Puffotter erwischt zu werden, natürlich keinesfalls schmälert.

Auch wenn ich diese Geschichte bezeichnend für die Psychologie weißer Südafrikaner finde, die sich oft und gerne als Opfer der Gefahren in ihrem Lande sehen, soll nicht der Eindruck entstehen, mit ausreichender Naivität käme man schon unbehelligt davon – oder man könne sich durch clevere Besserwisserei der Gefahr entziehen. Südafrika ist ein Land, in dem man gut daran tut, Gefahren ernst zu nehmen und die Risiken abzuschätzen – um sich dann zu entscheiden, wie und wo man sich sicher fühlt, und welcher Herausforderung man sich gewachsen fühlt. Gute Informationen zu bekommen ist essentiell, dabei aber leider nicht immer einfach - die meisten Reiseführer gehen nicht über recht allgemeine Ratschläge hinaus, und viele selbst ernannte Kapstadtkenner berufen sich nur aufs Hörensagen. Wenn es um die 'dos and dont's' geht, werden die Sachverhalte oft düsterer dargestellt, als sie wirklich sind.


Diese Jungs sind nicht nur cool, sondern auch sehr freundlich.

Vor dem Fotografieren aber immer schoen fragen...


Doch Sicherheit ist ein Gefühl, kein Zustand. Man kann deshalb jedem Touristen nur empfehlen, einen eigenen Weg zu finden, sich in dem aufregenden Spannungsfeld der südafrikanischen Gesellschaft zu bewegen. Die Anstrengung, die dies Anfangs vielleicht kostet, wird sich in Momenten echten Glücks und Unbeschwertheit auszahlen. Der aufgeschlossen Reisende wird mit Menschen aller Hautfarben lachen, weinen, und feiern können. Wer sich aber Angst einjagen lässt, wird die schönsten Momente und Geschichten, die Südafrika zu bieten hat, leider verpassen.


Hat nicht nur Suessigkeiten im Gepaeck, sondern auch die ein oder andere bittere Geschichte:

Eisverkaufer in Big Bay.

9.2.10

Frueher war manches besser... oder: Mit dem VW Kaefer durch Suedafrika

In Südafrika gibt es keinen TÜV. Dementsprechend häufig sieht man in und um Kapstadt Fahrzeuge, die eher von der guten Hoffnung der Benutzter zusammen gehalten werden, als von den Gesetzen der Mechanik. Für den preisbewussten Reisenden bieten einige Autovermietungen uralte Autos an, deren Sicherheitsstandards sicher nicht mit den Vorstellungen der meisten westlichen Touristen übereinstimmen. Aber mit ein bisschen Risikobereitschaft, einem Leatherman und etwas Draht im Gepäck bekommt man selbst einen alten VW Käfer über die anspruchsvollsten 4 x 4 Pisten.

Hier fliegen keien Loecher aus dem Kaese, aber dafuer sitzt so manche Schraube locker:

Wer nach Wupperthal, Suedafrika, will, braucht ein gelaendegaengiges Fahrzeug.


Wer in Südafrika unterwegs sein will, braucht in der Regel seine eigenen vier Räder. Zwar existieren inzwischen ordentliche Bus- und Zugverbindungen, die dem Individualreisenden genehm sind. Doch erreicht man die schönsten Stellen des Landes meist nur, wenn man vielbefahrene Strecken hinter sich lässt, und auf eigene Faust auf Entdeckungsreise geht. Das fantastische Freiheitsgefühl des klassischen roadtrips allerdings gehört zu der echten Südafrikaerfahrung wie braai und biltong. Eine preisgünstige Alternative zu den teuren und etablierten Autovermietern bieten kleine lokale Vermieter, die sich die Heerscharen alter Mercedes und Käfer nutzbar machen, welche in Südafrika immer noch zum Straßenbild gehören. Laxe Richtlinien zur Verkehrstüchtigkeit und mildes Klima haben so manches Schätzchen aus den 60er und 70er Jahren gut bis in die heutige Zeit bewahrt.

Eine Lieblingsadresse von mir ist dabei Rent-a-merc; die alten Benz der 123er Serie fahren sich wie große Badewannen und sind stylish ohne Ende. Das Angebot von Best Beetle in Bellville-Brackenfell allerdings ist konkurrenzlos günstig: Wer in Kauf nimmt, mit einem knatternden, langsamen, und Umweltrichtlinien verspottenden Vehikel unterm Hintern durch Afrika zu reisen, zahlt für einen Monat des Vergnügens gerade mal rund 200 Euro, bei längerer Mietdauer sogar weniger. Unbezahlbar allerdings ist dann das Gefühl, mit so einem alten Käfer über Chapman's Peak, durch den Karoo oder die Kalahari zu brausen: Ein Touch Retro, ein bisschen Bohème, und eine ganze Menge Fahrspaß machen das heckgetriebene Kultmobil zwischen den vielen glänzenden Sportwagen, Pickups und SUVs zum Porsche des kleinen Mannes, und lassen dabei so manch modernes Auto alt aussehen. Wer die Möglichkeiten des Käfers bis ans Limit ausreizt, kann gar die Vordersitze ausbauen, und im Handumdrehen eine durchgehende Liegefläche zaubern, womit das Autolein sogar als kleiner Camper durchgeht. Und als besonderen Bonus darf man bei Best Beetle seinen Wagen gar künstlerisch umgestalten – wobei nicht alle Designs der Flotte den Nachmieter begeistern dürften. So mancher Wagen sieht dann doch etwas nach Grunge aus.


Wer wagt, wird belohnt: Aussicht auf die Cedarberge nach ein paar Kilometern Staubstrasse.


Wie bei Vielem in Südafrika gilt auch beim Käferfahren: It's fun, but your own risk. Die Reifen sind alt und abgefahren, die Bremsen mit viel Gefühl einzusetzen, und was die Sicherheitsgurte angeht, hege ich die dunkle Vermutung, im Ernstfall mehr Verletzungen durch die Zweipunktvorrichtung zu erfahren als ohne. Lustigerweise wurden bei den drei Verkehrskontrollen, in die wir in den letzten vier Wochen gerieten, weder eines der oben genannten Sicherheitsrisiken, noch die Tatsache, dass unser Käfer gnadenlos überladen, und ich noch dazu einmal ohne Führerschein oder andere Dokumente unterwegs war, beantstandet. Die vierte Polizeikontrolle verpasste uns allerdings einen Strafzettel, weil wir nicht angeschnallt waren (sic!). Auf den Hinweis, dass gerade ein SUV mit einem Motorboot auf dem Hänger vorbei fuhr, auf welchem etwa sieben Kinder völlig ungesichert herum turnten, ernteten wir nur ein Achselzucken. This is Africa, after all.

Auch die Beschilderung weicht in Suedafrika manchmal von dem ab, was man von Zuhause kennt...


Best Beetle erlaubt den Mietern sogar, ihren Käfer auf große Tour zu nehmen, und alle Grenzstaaten der Kaprepublik zu bereisen. Da wir genau dies noch vorhaben, testeten wir die Tauglichkeit unseres Gefährtes für ein derartiges Unterfangen: auf einem Trip durch die malerischen, zerklüfteten Cedarberge. Und – wir haben an Zuversicht und Vertrauen nur gewonnen. Auf dirt roads durch seinen hohe Straßenlage und Heckmotor wenig anfällig für das gefürchtete Aufschlitzen der Ölwanne, tuckerten wir mehrere hundert Kilometer über verlassene Sand- und Steinpisten. Auch von 36 km über einen ausgewiesenen 4 x 4 Pass liessen wir uns nicht schrecken, der Käfer noch viel weniger. Und die kleinen Blessuren, die er unterwegs erlitt – ein geplatzter Reifen, eine abgefallene Zündspule, ein sich lockernder Rückspiegel, sowie ein abgefallenes Nummernschild ließen sich auch ohne große VW-Motorenkunde und mit den einfachsten Werkzeugen schnell beheben

.

Der Preis der Staubstrasse: Gut, wenn man noch weiss, wie man selber die Reifen wechselt.


Sicherlich nicht für den Pauschaltouristen geeignet, bieten die Angebote wie jene von Rent-a-merc und Best Beetle dem abenteuerlustigen Reisenden in Südafrika eine günstige, unterhaltsame Alternative zu Hertz, Avis, und Co. - und dazu noch diesen gewissen zeitlosen Stil. Er läuft, und läuft, und läuft... manches war früher eben einfach besser. Der Käfer allemal.

Am Ende war dann doch ein groesserer Service faellig. Die Mechaniker von Best Beetle
widmen ihre gesammelte Aufmerksamkeit der Schweissflamme.


4.2.10

Surfing Kommetjie: Kraft durch Enthaltsamkeit oder Die Welle des Tages

Die Zeit nach Neujahr gehört bekanntlich guten Vorsätzen, auch wenn man sie surfend in Südafrika verbringt. Kurz nach Sylvester sagte meine Freundin: „Laß' uns doch heilfasten. Nach dem ganzen Weihnachtsfressen – es wird uns gut tun.“ Ich liebe meine Freundin sehr. Und sie hat diese bestimmte Art, mir Ideen so in den Kopf zu setzen, dass ich schwören könnte, sie entsprängen meinem eigenen kranken Hirn.

Anderer Tag, anderer Spot, anderer Surfer. Aber so hat es sich in etwa angefuehlt.

Wir heilfasteten also. Eine Woche lang. Morgens gab es Tee, mittags eine Tasse heißen Wassers, in der eine Stange Lauch weichgekocht worden war, und abends ein Glas Saft. Dreimal in der Woche nahmen wir ein Abführmittel zu uns, um unsere Därme völlig zu erleichtern. Es war hart, doch der Kick, der dann einsetzen sollte, schien es wert. Am vierten Tag, so waren wir uns sicher, wären wir dann in der Lage, auch wieder surfen zu gehen.

Statt dessen gingen wir durch die Hölle. Bereits am ersten Abend knurrte mein Magen wie ein zum Sprung ansetzender Leopard, der mir später in der Nacht mit zornig schnappenden Kiefern wütend in den Bauch biß. Am zweiten Abend waren wir so schwach, dass an zusätzlichen Energieverlust etwa in Form von Geschlechtsverkehr nicht mehr zu denken war. Vom Surfen ganz zu schweigen. Am dritten Tag starrten wir wie durch Watte auf das Meer, das wie zum Hohn die schönsten Wellenkämme an den Strand warf, und konnten uns kaum auf den Beinen halten. Doch wir waren geduldig und wartete auf den vierten Tag, ab dem laut der Heilfastentheorie alles anders sein sollte.

Der vierte Tag kam und ging. Der Hunger blieb. Die Schwäche ebenso. Die Watte wurde dichter.

Am fünften Tag war der Swell in Kommetjie groß. Sehr viel weiter draußen als sonst hingen die wenigen Surfer im Line-Up. Wenn einer von ihnen eine Welle anpaddelte, hielten die Leute am Strand den Atem an. Wir starrten mit unseren hungrigen Augen auf das Spektakel und irgendwann hatte ich genug gesehen.

Ich ging zu unserem Käfer, und fing an, mein Brett vom Dachträger zu lösen.

„Was ist denn jetzt los?“, wollte meine Freundin wissen. „Spinnst Du?“

Ich zerrte an der Surfsocke, die mein Brett nicht frei geben wollte. Die Anstrengung ließ mich Sternchen vor Augen sehen.

„Ich muss da raus,“ erwiderte ich. „Wenn schon sterben, dann lieber in der Welle als vor Hunger.“

Meine Freundinn schwieg.

„Dann schau ich halt zu,“ sagte sie nur kopfschüttelnd , als ich mich in den Neoprenanzug wurstelte.

Das Wasser war kalt, viel kälter als die in Kommetjie sonst üblichen 13 Grad. Die erste Weißwasserwalze, die über mich hinweg ging, nahm mir fast den Atem, und fast sofort entwickelte ich die Art Kopfschmerzen, wie man sie von zu gierigem Konsum zu kalter Eiskrem kennt. Meine Schultern wurden taub, ich pflügte ungelenk durch die Brandung wie ein ölverschmierter Pinguin. Irgendwann zwang mir das Meer einen gehörigen Schluck Salzbrühe die Gurgel hinunter, und wie als Antwort kotzte ich fast sofort eine kleine Lache Lauchwasser neben mein Brett. Nachdem ich in derart lebhafte Kommunikation mit dem Ozean getreten war, ging es mir etwas besser.

Irgendwann hatte ich es geschafft, hinter die Brandungszone zu kommen, und die herein rollenden Wogen hoben und senkten sich unter mir. Manchmal war ich so tief im Wellental, dass der Strand komplett aus dem Gesichtsfeld verschwunden war, im nächsten Moment befand ich mich hoch oben auf dem Rücken eines Wasserberges mit Panoramablick.

Doch es war aussichtslos. Ein ums andere Mal, wenn ich eine Welle auserkoren hatte, und mich zum Anpaddeln umdrehte, versagten mir nach drei, vier Zügen die Arme. Nach Atem ringend, beschloss ich, die Welle etwas später, etwa steiler zu nehmen. Der nächste Brecher war ein gewaltiger close-out, bei der die Welle auf ganzer Länge gleichzeitig donnernd brach. Ohne dass ich es gewollt hätte, nahm mich die Woge mit und schleuderte mich mit einer Wucht vom Brett, dass ich fürchtete, meine Glieder würden aus ihrer Verankerung gerissen. Dann kam der hold-down - als läge mir ein Eisenbahnwaggon auf der Brust, kämpfte ich gegen einen Berg aus Wasser, der mir dunkel den Atem nahm und mich auf den Sand presste. Meine Arme streiften Tang und andere glitschige Objekte des Meeresbodens. Nach einer Ewigkeit kam ich wieder hoch, japste nach Atem und versuchte auf mein Brett zu krabbeln, bevor der nächste Brecher heran rollte. Zu spät. Ein ums andere Mal wurde ich gewaschen wie schmutzige Unterwäsche im Schleuderprogramm.

Als ich das nächste Mal an die Oberfläche kam, war ich bereits fast am Strand. Mit letzter Kraft zog ich mein Brett zu mir und wusste, dass ich für heute besiegt war. Mühsam paddelte ich die wenigen Meter bis ans Ufer. Ich fiel in den Sand. Spuckte, keuchte, hustete, und versuchte, das Salzwasser aus meinen Nebenhöhlen zu schütteln. Meine besorgte Freundin kam herbei geeilt.

„Alles in Ordnung?“

Ich nickte. Und fühlte mich auf einmal großartig. Ja, ich hatte gekämpft und trotzdem keine Welle bekommen, normalerweise Grund zur Enttäuschung und Frustration. Doch war ich draußen gewesen, an diesem Tag der großen Wellen.

„Alles in Ordnung,“ krächzte ich. „Das war der Surf meines Lebens.“

Ich blickte nach draußen, auf das wogende Meer. Der Hunger war fort. Und mein Kopf war so klar wie der wolkenlose Himmel Kapstadts, der sich über uns spannte.



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