Home: Die Werkstatt Südafrikablog: Kom die Kaap na!

29.4.09

Der coolste WG-Abend aller Zeiten...


...fand am vergangenen Freitag statt. Angesagt war: Einfach mal nichts tun und früh ins Bett. Klingt nach totalem Flop? Weit gefehlt!

Der Vorschlag aus den Reihen der WG-Führung stieß fast einhellig auf Begeisterung, und so schlenderte ich am Abend entspannt in die WG, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Protest? Langeweile? Chaos? Keinesfalls - spontan beschlossen wir, den Sonnenuntergang von den Balkonen aus zu betrachten, es wurde Tee gekocht, Eis gegessen, Matrazen herausgeholt, es gab Gelächter und gute Gespräche, jemand spielte Gitarre - es war einfach nur 'chillig'. An Unterhaltung mangelte es uns auch nicht, bot sich doch zu unseren Füßen so manch dramtisches Schauspiel aus dem echten Leben (Big T schlendert über den Campus, andere WGs verausgaben sich bei Capture the Flag). Gegen neun dann wurde aktiv die Schlafenszeit eingefordert (ich komme jetzt noch kaum aus dem Staunen heraus), und eine knappe halbe Stunde später war in der Kaschl-WG alles still. Selbst anfängliche Kritiker der Aktion zeigten sich am nächsten Tag gut gelaunt und einhellig wurde der WG-Abend zu einem der besonders gelungenen Aktionen gekürt.

Resümé der ganzen Sache: Weniger ist manchmal mehr - und ab und an kann man sich seinen pädagogischen Aktionismus auch sonstwohin stecken.

Schön, dass ich das noch lernern durfte.

24.4.09

"Vorbeugen ist besser als auf die Schuhe kotzen..."

Der Alkohol- und Suchtpräventionstag am LGH.

Ein Alleinstellungsmerkmal des LGH ist die Vielzahl außerunterrichtlicher Veranstaltungen. Von der Lehrerschaft in zunehmendem Maße beklagt (Der Unterrichtsausfall bei ohnehin verkürzten Stundentafeln... Der Stoff, der bis zum Jahresende / zur mittleren Reife / zum Abitur behandelt sein muss... Die mangelnde Kontinuität in Fächern, die konsequentes Üben verlangen...), stoßen auch so manchem Schüler die Extratermine übel auf. Ganz besonders schlimm wird es, wenn hinter solchen Veranstaltungen eine 'pädagogische Intention' vermutet wird - legendär ist immer noch die 'Fettpunktepräsentation' - bei der es eigentlich und löblicherweise um gesundheitsbewusste Ernährung in der Mensa ging, die aber aufgrund schlechter Vorbereitung und desaströser Unterschätzung des Publikums seitens der Referentin über Monate Anlass für Hohn und Spott lieferte - und eher einen gegenteiligen Effekt verzeichnete, wenn man sich an den daraufhin ausgelobten 'Fatty'-Preis für die größte Menge an vertilgten Süßigkeiten erinnert. Wenn also die Schulleitung einen regulären Unterrichtstag opfert, lässt sich zum Einen der Schluß ziehen, dass diesem aufgrund einer gewissen Dringlichkeit besonderes Gewicht verliehen werden soll - zum Anderen hofft man inständig, dass die Referenten das Thema nicht verbocken.

Selbst im fünften Jahr des Bestehens gibt es immer noch Premieren. Der heutige Tage sah also die Einführung einer neuen Tradition, den "Suchtpräventionstag", der wohl nicht als singuläre Veranstaltung, sondern als fortlaufende Eventreihe zum Thema zu verstehen ist. Es ist ja auch ein weites Feld - von Volksdrogen bis zu Red Bull, von Koks und H über Ecstasy zu Dextroenergen und 'Germany's Next Topmodel'... das Suchtpotential lauert überall. Erklärtes Ziel des heutigen Tages war wohl, zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol im Internatsbetrieb und im individuellen Leben jedes Einzelnen beizusteuern. Und so rückte ein Aktionstrupp, bestehend aus den Elternvertretern, einem Richter, diversen Ordnungshütern und einem trockenen Alkoholiker auf dem Campus an, um zu informieren, aufzuklären, und zu warnen.

Roller fahren unter simuliertem Alkoholeinfluß - auch die Lehrer durften ran.

Allen Beteiligten ist dabei wohl klar gewesen, dass derartige Aktionen nicht den großen Umschwung im Handeln und Denken eines LGH-Schülers veranlassen werden - jedenfalls nicht zu vergleichen mit langfristige Strategien, wie dem vorgelebten Alltag auf dem Campus, oder allgemein dort erfahrenen Regeln des gemeinschaftlichen Zusammenlebens und dem gültigen Verhaltenskodex unserer Gesellschaft. Allerdings wird doch deutlich, dass Zwischenfälle, wie sie sich im Laufe der Jahre ereignet haben, für viele Verantwortungsträger Anlaß zur Sorge sind - um das leibliche Wohl der uns anvertrauten Schützlinge, aber auch, und nicht zuletzt, um das Image des Landesgymnasiums.
Um es an dieser Stelle noch einmal herauszustellen: Das LGH hat kein Alkoholproblem, sondern nähert sich lediglich einer Normalsituation an, die gesellschaftlich bedingt ist - ohne darüber jetzt ein Urteil zu fällen. Trotzdem sind wohl vor allem die Eltern aufgrund der aufgetretenen Vorkommnisse hellhörig geworden - und verständlicherweise, gibt man doch sein Kind nur in solche Hände, denen man auch zutraut, an seiner statt Erziehungsarbeit leisten zu können.

Gerade bei der Sucht - und Alkoholproblematik aber muss man als Internat mit den Elternhäusern zusammenarbeiten - und folglich wurde der heutige Tag auch zum Großteil von engagierten Eltern und externen Experten geplant und gestaltet. Die Motivation der Schülerschaft hielt sich nach meiner Beobachtung dabei in gewissen Grenzen - am meisten Spaß machte wohl die 'Selbsterfahrung' mit den mitgebrachten Rauschsimulationsbrillen - und der ein oder andere Schüler drückte tatsächlich den Wunsch nach regulärem Unterricth aus.

Ich jedenfalls beschloß den Tag mit der Erkenntnis, dass die oft gehörte Frage nach der Effektivität der Maßnahme - Studien geben bekanntlich Präventionsmaßnahmen und Abschreckungsstrategien im Vergleich zu langfristiger Persönlichkeitsfestigung schlechte Noten - am eigentlich erreichten Ziel vorbeigeht: Der gemeinsamen Aktion, des Ziehens an einem Strang von Schule und Eltern und der damit verbundenen Botschaft. Und auch wenn mancher zu cool war, um es zuzugeben - irgendwie interessant war das alles ja schon, und gut vorbereitet auch. Und die Sorge, der Fettpunkteeffekt würde sich wiederholen, ist - zumindest aus meiner Sicht - nicht eingetreten.

Den Organisatoren gebührt also Respekt und Dank - und man darf gespannt sein, wie diese Präventionstage in den kommenden Jahren aussehen werden.

8.4.09

All inclusive in Marsa Alam

I was brought up to travel the rough way. My diapers were changed on sandy tent floors in Turkey, when I was less than a year old. My parents took us four kids on adventures no travel agency ever would offer - as a consequence, my siblings have developed the habit of relocating to remote corners of the world every few years. The endless kilometers of lonely bumpy roads covered in southern Africa still rock my memory, and the greatest summer of my life I spent beach bumming and island hopping in Croatia, living on a diet of raw fish and stolen cactus figs. It's a shared family value - different as we all have turned out to be, nothing seems more despicable than a journey where you already know where you will eat and sleep when getting up in the morning. Now, at thirty-three years of age, I am guilty of straying on the other side – for one week, I am an all-inclusiv- tourist at a beach resort on the Egyptian Red Sea Riviera. And, to be quite frank, there are some things I quite like about that.

A pensive moment on the resort terrasse...


For one, it's pretty cheap - and Germany's sorry excuse for spring just not to be endured anymore. There's almost no hassle, I just booked the package and off we went. There is sun and sea and sand, and the toilets are clean. But, trying to relax into the flow of things, and shutting off my poor over-worked brain, I cannot help comparing – and remembering other trips to Egypt... Back in the days, I'd catch a flight down to Sharm, haggle with the drivers of battered Peugeot 604s for an hour or so and then saunter off to Dahab to the sound of crackling Arab music and the smell of shisha tobacco emenating from under the back seat. I'd crash in one of those places where a concrete bunk with a mattress is called a bed and costs next to nothing, and pig out on falafel and foul, spending less than if I'd stayed at home. It was simple, it was rough, but it was all I needed to be happy. A few words of Egyptian got you smiles and handshakes, a t-shirt with 'I love Palestine' printed on it got you invitations to a free lunch. Back then, you could hitch up with a buddy, check out tanks, grab a Bedouin cabbie and go diving where you wanted. And afterwards you'd chill in the shade of a tent, where little beach girls tried to catch your attention and sell you a few handmade bracelets and the boys an odd gram of dope.

Now, it's different. The new airport at Marsa Alam is so clean and well organized, I had trouble beieving it was actually Egypt. You are chaperoned from front to finish, not even knowing customs procedures gets you an advantage over the crowd anymore. Buses wait for you, everybody knows you're coming, everybody speaks German. Checking in at the hotel: easy-peasy. There is a customer relationships officer from Belgium who can answer all questions in all languages. The bell boy delivers the luggage at our door step, our condo is clean, equipped with all amenities. I turn off the air-conditioning as soon as we cross the threshhold.


To be fair, the Three Corners Hotel at least seems to give it's pro-environment philosophy some credible efforts – we are in the desert, I read while sitting on the toilet, save water! The hotel features its' own sewage treatment, and re-uses the waste water for the thirsting gardens, we learn form the brochure, and they are quite strict about not walking unto the reef. There is an easy-entry jetty, and there are rules, rules, rules of what to do when and where. Most of which start to piss me off on the second day. No use of the pool or walking on the jetty after sunset. No diving without dive computers (what the...? Has it come to THIS?). No shorts for dinner. What's more? Well, in a nutshell, it just doesn't feel like being in Egypt. There is no local food (no foul, no falafel, no humus) at the buffet, but there is an Italian and Asian evening. There is no way of leaving the complex without a guard (sure he's friendly, oh yes, but you can tell he's there to keep you inside) shooing you back, there is no way to get a taxi or bus or donkey cart that is not organized through reception at scandalous prices.

It's for safety, security, enjoyment of the masses. You are herded to the beach, animated to do your exercises, we, the people of the cold, sun-starved North. Attendants usher and care for us lying fat from our consumer lives like giant white mother termites, we are massaged and tattood and entertained by trained staff to get us back in shape for more of the treadmill back home.

I don't mean to be ungrateful. This holiday has sun, beach volleyball, diving (and that is excellent, by the way). I am truly enjoying myself most of the time. The thing that's lacking is the freedom of doing the rough thing – the grit of the raw. But there will be more than enough of that in the year to come, I tell myself and feel the itch under the yellow plastic wrist band.


5.4.09

Keiner darf verloren gehen - Schulausschluss am LGH

Was muss man eigentlich tun, um vom LGH geschmissen zu werden? Diese Frage trat in der nunmehr fast 5-jährigen Geschichte der Schule in Bezug auf wechselnde Personen immer mal wieder auf, und zwar nicht nur auf Lehrerkonferenzen. Durch Elitedebatte, Leitbilddiskussion und verschiedene Regelverstöße ausgelöst, wurden Rufe der Schülerschaft nach 'hartem Durchgreifen' und 'Konsequenzen' gegenüber Mitschülern, die Schwierigkeiten hatten, sich dem System, dem Leistungsanspruch, oder dem Mainstream anzupassen, gebetsmühlenartig vorgetragen. Das angebliche 'zu weiche' Vorgehen gegen 'Straffällige' erweckte Missmut. Für drei meiner eigenen GM-Schüler führte dies irgendwann zum Verlassen der Schule - und, obwohl ich die Gründe sehe, und bei jeder einzelnen Entscheidung beteiligt war: ich habe ein Problem damit.

Genauer: Ich habe ein generelles Problem damit, dass man meint, ein Schulausschluss sei eine pädagogische Maßnahme. Das ist es natürlich keineswegs, sondern vielmehr ein Aufgeben an einem Menschen, und die Abgabe der Verantwortung an Dritte - in anderen Worten, der Ausschluss kommt in der Regel dann, wenn dem Kollegium nichts mehr einfällt. Wüßte man, das es dem Schüler woanders wirklich besser geht, wäre das nicht so das Problem. Bei unseren Schülern aber schwebt bei Ausschlüssen immer der Gedanke mit - wo, wenn nicht bei uns, hat der Schüler denn überhaupt eine Chance?

Bei jedem Disziplinarverfahren erinnere ich mich übrigens an eine Situation am Rande der Vorbereitungsrunden des Frühlings '04 zurück - im Nachbarseminarraum tagte eine Gruppe zu eben jenem Thema. Beim Mittagessen verwickelte der Schweizer Referent, einige LGH-Kollegen der ersten Stunde in ein Gespräch über seine Schule, die aus pädagogischer Überzeugung keine Schulausschlüsse durchführe - die keinen Schüler aufgäbe, sondern stets durch Zuwendung versuche, dem Schüler sein Fehlverhalten vor Augen zu führen, und über Kommunikation zur Besserung zu verhelfen. Stets aber müsse der Schüler das Gefühl haben, geborgen zu bleiben. Ich war von dieser Haltung begeistert, gewahr, dass man sich mit so einer Einstellung unter Umständen als Romantiker oder gar Kuschelpädagoge abstempeln lassen muss. Die Realos unter uns schmunzelten denn auch eher zurückhaltend ob des unorthodoxen Schulleiters aus der Schweiz. Irgendwann aber, blieb meine Hoffnung für das LGH, würde sich die Erkenntnis durchsetzen, dass das Ausselektieren unangepasster oder erfolgloser Schüler nicht dem Anspruch gerecht werden kann, erfolgreiche Pädagogik für Hochbegabte zu betreiben.

Es gehört ja auch zu den Grundprinzipien und zu der Daseinsberechtigung des LGH, Menschen mit außergewöhnlicher Begabung eine möglichst individuelle Förderung zukommen zu lassen. Dass es schwer für Schüler ist, anzuerkennen, dass aus diesem (immer wieder vehement eingefordertem Wert) zwangsläufig die Situation erwächst, dass über gewisse Zeiträume manchem Schüler mehr und manchem weniger Aufmerksamkeit und Zuwendung angedeihen, und man andererseits auch Privilegien schafft, mag man als menschlich hinnehmen und auch immer wieder erklären müssen (manchmal entlocken mir diese Diskussionen allerdings auch nur noch ein innerliches Seufzen). Gerechtigkeit und individuelle Behandlung sind nun mal schwer zu vereinbarende Prinzipien - aber der Argumentationsdruck gegenüber ‚Sonderbehandlungen’ scheint mir aushaltbar, und somit niemals als Rechtfertigung für einen Ausschluss ausreichend.

Und doch muss ich es anerkennen - den Schülern, die gegangen sind, konnte das LGH, und auch ich als Mentor, irgendwann nicht mehr weiter helfen. Wie ein System aussehen könnte, um auch ihr Potenzial herauszufordern und gemeinschaftsfähig zu machen, steht noch zur Debatte. Mehr Betreuung, stärkere Führung, noch stärkere Bindung wäre mein Vorschlag - aber wie das leistbar oder bezahlbar wäre, ist eine andere Frage.

Einige der Ur-LGH Qualitäten wären dabei allerdings sicherlich hilfreich – Toleranz, Improvisation, Engagement, Humor - und die Nähe zum Schüler.
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