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25.9.10

Die Trompeten von Heslach

Nach den Reisen und Abenteuern der vergangenen 15 Monate hatte ich mich ja eigentlich auf eine ruhige Kugel qua Doppelexistenz Lehrer / Schriftsteller in der Beschaulichkeit der schwäbischen Landeshauptstadt eingestellt. Doch natürlich kommt es immer anders. Und zweitens findet man die schönsten Geschichten stets dort, wo man sie nicht vermutet.

Stuttgart ist mir bislang nicht gerade aufgefallen als Hort zivilen Ungehorsams. Wehe dem, der bei Kehrwochenfrondienst den Müllcontainer nicht ordnungsgemäß mit Seife und Bürstchen auswäscht! Oder, oh jemine, didgeridooblasend die Abendruhe missachtet. Umso mehr verwunderte, dass gewisse Lautäußerungen, wie sie erst in jüngerer Vergangenheit dem deutschen Bundesbürger überhaupt erst zu Ohren gebracht, und noch vor wenigen Monaten höchst skeptisch beurteilt wurden, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, nämlich immer um Punkt sieben Uhr abends, hier in meiner neuen Wohnstätte Heslach offenbar zum guten Ton gehören. Ja, unglaublich aber wahr, die Schalmaienklänge der Vuvuzelas, Plastik gewordenes Lieblingshaßobjekt von Waldi Hartmann und anderen Giganten der Sport-TV-Berichterstattung sowie gefühlten 99% der Bundesbürger, sind hier jeden Tag, ich wiederhole, jeden Tag! zu hören.

Glaubte man zuerst ein wenig naiv, dass in dem bunten Multikultiviertel im Süden von Benztown schlicht jeden Abend eine andere Nationalmannschaft von den Nachbarn bei irgend einem Freundschaftsspiel gefeiert wurde, und sich an dem jedes Mal pawlowscherhundeartig wieder einstellenden WM Feeling erfreute, konnte man doch nicht ignorieren, dass die Klänge Woche um Woche lauter und zahlreicher zu werden schienen. Auch, und dass war schließlich doch Anlass zum Hinterfragen der Ausgangshypothese, mischten sich immer mehr auch noch schrille Trillerpfeifen hinzu.

Ahhhh, machte der Autor, als er eines schönen Sonnenuntergangabends eins und eins zusammenzählte, und den Blick von der Dachterrasse schweifen liess. Es ist politischer Protest. Und er musste grinsen. Hatten sich die Germanen noch vor kurzem lautstark davor gefürchtet, die Horrortrompete könne schlimmstenfalls gar ihre heimischen Fußballstadien erobern, und dem unersetzlichen Kulturgut der Fangesänge dort den Garaus machen, so rächte sich diese jetzt bitterlich für die verhinderte Integration, indem sie die erste Geige beim akustischen Protest übernahm. Und das hier: im Familienwohngebiet mit Waldrandlage, im beschaulichen Stuttgart. Was leben wir doch in aufregenden Zeiten.

>============<) Trööööööööööt.

4 comments:

Anne said...

Hier in SA bzw. Kapstadt kann davon leider nicht die Rede sein. Mit dem Ende der WM am 11. Juli 2010 waren nicht nur die Teams, der Spirit und die Autofähnchen von den Autos verschwunden, sondern auch die Vuvuzela's. Die WM kam, war da, und ging genauso schnell. Wenn man etwas Vuvuzela feeling erleben möchte, muss man zu einem der lokalen Fussballspiele gehen. Das neue Stadion steht leer und irgendwie hat man das Gefühl, die Stadt weiss nichts damit anzufangen. Von rugby tournaments war einmal die Rede, was daraus geworden ist bleibt ein Rätsel. Von den lokalen Fussballspielen die man an genau einer Hand seit Ende der WM abzählen kann, ist dort nichts mehr veranstaltet worden... und dabei ist es doch so schön geworden das neue Stadion! :(

In diesem Sinne

Viva Ajax Cape Town! Viva Vuvuzela!

Annie

Ulf Iskender Kaschl said...

Hej Anne,

das tut mir Leid zu hören - es wurde ja viel gestritten über das, was nach der WM mit den Stadien (und dem Land an sich) passieren wird. Klingt ein bisschen nach Post-WM Blues... Aber dafür kommt ja bei Euch jetzt der Sommer. (Neid...:-)
Grüß mir die Mutterstadt!

Ulf

Jean said...

Cześć Ulf,

ich mag deinen stil. es tut gut, richtiges deutsch zu hoeren, mit nebensaetzen, konjunktionen und sogar koestlichem humor. danke!

gruss aus dem koenigreich der hl. maria,

Jean

Ulf Iskender Kaschl said...

Czesc Jeanitzki,

danke für die Blumen - an der Kommasetzung muss ich allerdings noch arbeiten, ich weiß...:-)

Grüße nach Krakow!

Ulf

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