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9.10.09

Germanismen II: Gras ist für Kühe

Der deutsche Fußball steckt schon wieder immer noch in der Krise. Wie so oft muss die Nation um die Teilnahme an der nächsten WM bangen - doch sollte es auch morgen nicht mit dem Feldzug gegen Russland klappen, haben wir es wenigstens nicht mangelnder Ernährung, inkompetenter Heeresleitung oder einer historisch-genetischen Loserdisposition zu vedanken. Nein, diesmal ist der Untergrund schuld am Untergang.

Schlägt man dieser Tage die Zeitungen auf, wird man unweigerlich mit einem urdeutschen Wesenszug  konfrontiert: der Liebe zu Mutter Natur. Neben Autos bauen und Bier brauen pflegt der rechte Germane nämlich vor allem die Verbundheit zum echt Erdigen. Dies manifestierte sich über die Jahrzehnte in recht unterschiedlicher Manier, beispielsweise dem Tragen von Outdoorjacken auf dem Weg durch den Dschungel der Münchner Inennstadt, der Abschiebung unschuldiger Kleinkinder in Naturkindergärten, oder der Hysterie über das angebliche Waldsterben. Jetzt wird in hübscher Analogie das 'Verschwinden der Natur aus den Fußballstadien' (DIE ZEIT Nr. 42, 8. Oktober) beklagt. Oh weh.

Wobei eines doch klar sein dürfte: Nach dem Austausch von Holzbänken durch Plastik, Leder durch Plastik, Muskeln durch Plastik, ist dies nur der letzte konsequente Schritt auf dem Platz. Bei der in Amerika, der zukunftsweisenden Nation schlechthin, Fußball genannten Variante des Spiels kommt schon seit Jahrzehnten Astroturf zum Einsatz. Und auch von einem Helden aus dem Osten vernahm man bereits in den Neunzehnachtzigern des vergangenen Jahrtausends die Erkenntnis, Gras sei nur für Kühe gut. Zugegeben, das war ein anderes Spiel - doch sei's drum, die Wald-, Feld-, und Wiesenversessene deutsche Nation (nicht von ungefähr wurde unser letzter Bundeskanzler liebevoll 'Acker' geheißen) als eine wiederkäuende Herde wandelnder Milchtüten mit breiten Hüften und dröge dreinschauender Ochsen - irgendwie hatte Ivan mit dem Heraufbeschwören dieses Bildes das Runde voll ins Eckige gedroschen. Nur die Engländer dürften unter dem Schwund des Rasens noch mehr leiden. Doch das ist eine andere Geschichte.

Natürlich werden wir die in Zeitlupe durch die Luft fliegenden Grasbollen nach einer urteutonischen Blutgrätsche im Strafraum recht herzlich vermissen. Den Paar Bröseln Granulat, die man bestenfalls erwarten darf, fehlt es einfach an dramatischer Gewalt, an erdverbundener Schwere, und nicht zuletzt sichtbarer Zerstörtheit.
Doch sollte man eines nicht vergessen: Gewinnen wir das morgige Spiel, waren wir selbstverständlich einfach besser. Verlieren wir, war der Kunstrasen schuld. Wir befinden uns also, sportlich-moralisch betrachtet, in einer einwandfreien win-win Situation. Und damit können wir doch ganz zufrieden sein - war ja schließlich nicht immer so, wenn es gegen Russland ging.

2 comments:

Anonymous said...

hi ulf,

ein wirklich interessantes statement ;)
achja ein kleiner tipp noch: ich habe beim flüchtigen lesen 3 buchstabendreher und einen rechtschreibfehler entdeckt, wo genau weiß ich nicht mehr... lediglich noch "unterscheidlich"..

viele grüße vom campus

Sebastian Hahn said...

Hi, Ulf!

Ich habe schon die eine oder andere Mail an die Adresse Deiner Domain geschickt, doch anscheinend rufst Du die (noch) nicht ab. Kontaktiere mich doch bitte mal! Sebastian

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