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10.5.10

Mzansifever

Eine Serie von Kaltfronten hat sich vom Zirkumpolarstrom losgerissen, und vertreibt den Spätsommer aus der Kaphalbinsel. Die klammen Finger bewegen sich mit den Zeitlupengliedmaßen eines halbgefrorenen Reptils über die Tastatur. In einem Monat soll hier Fußball -WM sein! Deshalb sprechen die Suedafrikaner ja auch von einem 'Wintersportevent' - den man in Durban trotzdem in Shorts ansschauen kann.

Merc'st du was? Auch das ist Kapstadt:
Sturm, Regen und ein einsamer Mann mit seinem Daimler.

Es ist gerade schwierig festzustellen, ob Mzansi dem sportlichen Großevent wirklich entgegenfiebert. Daran ist nicht nur das schlechte Wetter schuld - es ist auch nicht leicht zu sagen, wer Mzansi, alias the New South Africa, eigentlich ist. Begreift man eine Nation als die Summe seiner Individuen, müsste der Durchschnittslandsmann in Gestalt einer real existenten, eierspendende Wollmilchsau daher kommen. Multilingual, multireligioes, multikulturell, multikompetent. Leider wird aber das Gros der Talente und Ideen, die von dieser Hoffnung Afrikas für die Menschheit ausgehen koennten, nicht erkannt. Südafrika fährt weit unter Potential.

Fussball auf der Couch? Oder im Stadion?
Fuer die meisten Suedafrikaner ist ein Fifa Ticket nicht bezahlbar.

Stattdessen hat Mzansi eine gespaltene Persönlichkeit. Die identitätsstiftende Vergangenheit schon ist eine psychologische desaster area. Und von der Gegenwart ist man irgendwie noch weit entfernt. Die Zukunft? Enteignung der Weissen a la Zimbabwe oder sanfte Umverteilung des materiellen Gefaelles? Politischer Niedergang wie in den meisten anderen schwarzafrikanischen Staaten, oder langsames Reifen einer noch jungen Demokratie? Who knows, maybe the shit does hit the fan.

Freuen sich auf den Event - aber profitieren sie auch davon?
Die WM kann fuer Suedafrika auch zur Schuldenfalle und
Kristallisationspunkt der sozialen Spannugnen werden.


Für so manchen Fan, den die Scheisse in Gestalt eines Taschendiebstahls, einer Messerattacke nach dem Discobesuch oder einer HIV-Ansteckung ins Gesicht treffen wird, mag Südafrika verfluchenswert sein. Die Entscheidung, die WM hierher zu holen, war trotzdem richtig. Von diesem Event, so zersetzt von Profitgier, Mauschelei und Korruption er auch sein mag, kann nicht nur das Land, sondern der ganze Kontinent, womöglich die Welt, profitieren. Das Konzept des ubuntu, die Lebensfreude, die religioese Toleranz und die interkulturelle Idee sind Botschaften Suedafrikas an die globalisierte Gemeinschaft. Doch auch Amerika und Westeuropa müssen sich beweisen - der Erfolg der WM und dem barackschen "Afri can" hängt zu großen Teilen davon ab, wie intensiv sich auch die vermeintlichen Trendsetter der Zivilisation darauf einlassen, in den Dialog zu treten. Und helfen, Suedafrika fuer die Zeit nach der WM, wenn die Stadion leer stehen und die Fans nach Hause gereist sind, Perspektiven anzubieten.

Um Mzansi die Aufgabe leichter zu machen, und auf Dauer eine Gesellschaft im Einklang mit sich zu werden, gibt es viele gute und förderungswerte Projekte. Eine besonders intelligente Idee , die man auch von Deutschland aus unterstuetzen kann, findet sich hier. Wer segeln kann, ist auch fuer die Umschiffung gefaehrlicher Klippen bei den drohenden Winterstuermen gut geruestet.

2 comments:

Jean said...

Oy, Freude überkommt mein Herz, Herr Kaschl. Kennen Sie mich noch? Sie haben mich mal von einem Berg heruntermanövriert, als mein Kreuzband Teilurlaub machte.
Hach, ich bin begeistert.

Ulf Iskender Kaschl said...

@Jean
Mr Roohleather! Wie könnte ich das jemals vergessen! Aber nicht nur diese Geschichte ist mir lebhaft in Erinnerung. Schön von dir zu hören! Aus deinen verschiedenen blogs werde ich allerdings nicht so ganz schlau - gehst du jetzt nach Polen oder in die Türkei? Beide Länder finde ich ja unglaublich spannend, und hab ja selber gute Erfahrungen dort gehabt. Schön, dass es dich in die Welt zieht!
Grüße! Ulf

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