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13.2.11

Zum Valentinstag: Forget Paris!

Was ist wirklich wichtig im Leben? Die Liebe! findet zumindest News from Nowhere. Auch in der Protesthauptstadt mehren sich die Anzeichen für eine neue, romantische Revolution,  die am liebsten die ganze Republik entzünden sollte. 

Neulich. Mein Gesäß dem Drahtgeflecht einer Innenstadtsitzbank anvertrauend wartete ich auf meine Frau. Dies ist kein bemühtes chauvinistisches Klischee. Ich warte gern, die Gewissheit, dass sie mich bei Rückkehr stets aufs Neue bezaubert, trägt sicherlich dazu bei. Außerdem lasse ich dabei die Gedanken schweifen, und das ist in vom Frühfrühjahrslicht durchfluteten Fußgängerzonen besonders schön.

Einkaufspassagen sind die Laufstege unserer Gesellschaft. Bundesweit genormt durch Backshopmafia, silberfarben gewandete Stummschausteller sowie Quotenhandyladen und so unverwechselbar wie frische Hühnerscheisse,  finden sich jenseits der unaufhaltsamen Starbuckianisierung stets auch stadtspezifische Nuancen.

Stuttgart beispielsweise ist dank überproprotionalem Schicksenanteil und Porschefahrergehalt von jeher unverwechselbar. Seit einiger Zeit zeichnen sich seine Bürger aber zudem durch, je nach Aussage mit Stolz der Wutbürger oder aber Todesverachtung der Besserwisser am Revers getragene, Oben Ohne oder Oben Bleibende Botschaften aus. Kluge Köpfe wussten schon immer, dass sich bei zwei Streitenden ein Dritter freuen wird, das ist in dem Fall wohl die Buttonpressmaschinenherstellerindustrie. In U-Bahn und am Arbeitsplatz aber, beim Einkaufsbummel oder Kneipenbesuch ist der Zankapfel Bahnhof stets im Blickfeld, und irgendwann fragt man sich, ob das auf Dauer gut ist, wenn politische Überzeugungen derart plakettiv aufeinander prallen. Irgendwie fehlt einem doch die versöhnliche Alternative, die Aussage Egal 21 aber würde wahrscheinlich auch mehr als Provokation denn Lösung des Problems empfunden.

Wie auch immer, ich ließ meinen Blick entspannt über die an mir vorbeiwimmelnde Masse politisierter Schwaben gleiten, da wurde ich, etwas weiter hinten, erst noch verdeckt, aber dann immer deutlicher, einer Erscheinung gewahr. Ein Mann mittleren Alters, in Rindslederjacke und Perustrickmütze, bärtig, aber nicht ungepflegt, der mit beiden Armen ein buntes Schild mit der Aufschrift 'Umarmungen umsonst!' in die Höhe hielt. Vom Typ her weder Sektenseelenfänger noch beim letzten Crash pleite gegangener Börsianer schritt der Schildträger, anscheinend mit sich und seiner Welt im Reinen, und mit bemerkenswerter Kondition der Schultermuskelpartie, stoisch lächelnd durch die ihn ignorierende Menschenschar. Ein Tourist bat ihn, ein Foto machen zu dürfen, aber soweit ich das beurteilen konnte, nahm niemand vom eigentlichen Angebot Gebrauch.
Nun gut, ist das Darshan Mem auch hier angekommen, dachte ich noch, und da kam auch schon meine eigene Quelle der Erleuchtung flotten Schrittes aus dem Karstadt und alle Gedanken an Jesus- und andere -freaks entflogen durch ein Loch in meiner Schädeldecke.

Doch die Idee ließ mich nicht los: Stuttgart - Stadt der Versöhnung? Der fühlbar ausgetauschten Zärtlichkeit über die Gräben der Geschlechter, und der Religionen, der Kulturen, der politischen Instrumentalisierung, der Prosperität hinweg? Warum eigentlich nicht?

Visionen von sich küssend in den Armen liegenden Baumschützern und Deutsche Bahn Funktionären wies mein geistiges Auge aus rezeptionsästhetischem Widerspruch zunächst noch zurück, aber spätestens bei der Vorstellung, wie Moppelmappus und Griesgramgangolf Hand in Hand über die Stäffeles laufen könnten, hinab über den Kessel blickten und das Land milde regierten zum Wohle aller Stuttgarter und Schwaben und überhaupt aller Menschen, da wurde mir doch sehr warm ums Herz.

So einfach geht das: Ruf mich an!
Und als ich dann wenig später die in obigem Foto verewigte Botschaft entdeckte, wurde mir klar:
 Forget Paris - Stuttgart muss fortan die wahre Stadt der Liebe geheißen werden!
Oder zumindest 'das Paris der Herzen'...

Eine Gesellschaft, in der man einfach nur zum Hörer greifen muss, um in das Paradies gegenseitiger Gefühlsbejahung einzutreten, da werden doch auch politische Streitigkeiten das zwischenmenschliche Gefüge nicht auf ewig belasten, oder?

Wie heißt es bei John Lennon? All you need is love. 

Happy Valentines Day, Benztown.

2 comments:

Son of the Morrigan said...

sehr schön geschrieben! Aber deine Vision funktioniert aus meiner Sicht eben nur mit dem Park, denn der ist mit der Liebe, sowohl in der Gesamtheit, als auch körperlich, untrennbar verknüpft, also muss der Park stehen- und der Bahnhof oben bleiben...ach lassen wir das, gemäß einer guten alten Weisheit zum Thema Diskussionen im Internet...

Ulf Iskender Kaschl said...

Hallo Son of the Morrigan,
schön, dass du mal vorbei geschaut hast! Genau, Diskussionen im Internet führen zu nix. Und Meinungsverscheidenheiten muss man halt auch mal aushalten können. Ein neues Graffito in meiner Nachbarschaft kündet davon, dass 'S 21 mit friedlichen Mitteln nicht aufzuhalten' sei und ruft deshalb auf zur 'Eskalation'. Das ist mit der Liebe in der Gesamtheit leider auch nicht vereinbar.
Mir geht's ganz einfach darum, dass man nicht den zwischenmenschlichen Kontakt verliert, weil man in der Frage S 21 unterschiedlicher Meinung ist... Es ist halt eben doch 'nur' ein Bahnhof'.
Grüße nach Vienna,
Ulf

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